Die Börsenkolumne aus New York
Märchen, Mythen und ein Schuss Wahrheit

Märchen und Mythen gibt es nicht nur in den Kinderbüchern, sondern auch an der Wall Street. Das fängt oft schon beim Kommentar eines Analysten an, der einen Sektor abenteuerlich bewertet oder bei seinen Prognosen ins Blaue rät, und es geht bis hin zu mehr oder weniger ernsten Aktien-Indikatoren wie dem Superbowl-, dem Rocksaum- oder dem Lippenstift-Indikator. Oder dem Januar-Effekt, der dieser Tage einsetzen soll.

wsc NEW YORK. Ob der Januar-Effekt aus dem Reich der Märchen und Mythen kommt, wird an der Wall Street heftig diskutiert. Dass sich aus dem Schneefall in Boston zur Weihnachtszeit und am Make-Up der Mädchen im Central Park ein Markttrend nicht ablesen lässt, steht außer Frage - die entsprechenden Indikatoren sind eher Stoff für Kolumnen als dass sie irgend jemanden auf dem Parkett interessieren würden. Über den Januar-Effekt spricht man ganz anders.

Die Legende geht so: In den letzten Dezember-Tagen und Anfang Januar, wenn die Börse für gewöhnlich allgemein freundlich tendiert, legen die Aktien kleiner Unternehmen überproportional zu und performen besser als die Papiere von Unternehmen mit hoher Marktkapitalisierung. Woran das liegt ist völlig unklar. Sind es verzweifelte Fond-Manager, die unbekannte Aktien mit hoher Volatilität kaufen, oder sind es Privatinvestoren auf der Suche nach dem Überraschungssieger des nächsten Jahres? - Keiner weiß es.

Dass es den Effekt gibt, belegen indes Studien. Yale und Jeffrey Hirsch, ein Vater- und Sohn-Duo in Diensten des anerkannten Stock Trader?s Almanac, haben das Verhalten kleiner und großer Aktien um den Jahreswechsel herum beobachtet und bestätigen: "Die Kleinen schlagen die Großen, diesen Trend können wir bis 1979 zurückverfolgen." Die Studien der Hirschs fußen vor allem auf den Unternehmen der Russel-Indizes, wobei ein "kleines" Unternehmen eine Marktkapitalisierung von unter 3 Mrd. Dollar aufweist.

Eine Einschränkung müssen die Datenforscher allerdings machen: Der Januar-Effekt tritt nicht ausnahmslos jedes Jahr auf, sondern nur in Intervallen. Von 1979 bis 1983 trat er ein, dann ließ er sich bis nach dem Golfkrieg nicht mehr feststellen. Bis 1994 sah man ihn wieder, dann machte er eine Pause bis 1998, was die Hirschs vor allem der Stärke der Dow-Werte und einiger großer Hightechs zuschreiben. Zuletzt ließ sich der Trend der starken Kleinen in den Jahren 1999, 2000 und 2001 verfolgen - jetzt steht 2002 an, und nicht alle Experten sind überzeugt, dass sie auf den Januar-Effekt bauen sollten.

"Das ist Quatsch, purer Humbug", macht Rafe Resendes seine Ablehnung deutlich. Resendes, Direktor der unabhängigen Forschungsgruppe Applied Finance Group, ist sich sicher: "Die Kleinen sind doch schon gelaufen." Er verweist auf die jüngste Herbst-Rallye. Während sich der marktbreite S&P 500 seit Mitte Oktober schon um 14 Prozent verbessert hat, hat der mit kleinen Aktien bestückte Russell 2000 sogar mehr als 17 Prozent zugelegt.

Jeffrey Hirsch will davon nichts wissen. Er empfiehlt Anlegern, rechtzeitig vor dem Jahreswechsel einen Fond zu kaufen, der kleine Werte hält. Sein persönlicher Favorit ist der Russell 2000 ETF. Investoren mit Interesse an Einzelaktien macht er auf XM Satellite Radio aufmerksam, eine Aktie, die schon im November eine gute Performance zeigte.

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