Die Börsenkolumne aus New York
Nach der Wahl sind alle Klarheiten beseitigt

Wenn die US-Märkte am Mittwoch planlos durch den Tag dümpeln, dann hat das einen guten Grund: Von drei Seiten brechen zur Wochenmitte Nachrichten aufs Parkett, die zu entschlüsseln nicht ganz so einfach ist, wie sich einige Käufer am Morgen gedacht hatten. Die hatten nach dem Wahlsieg der Republikaner fröhlich gekauft und kommen erst am Mittag ins Zögern.

wsc NEW YORK. Tatsächlich ist es gar nicht so schwer, aus den Ergebnissen der Wahl auf die künftige Politik der US-Regierung zu schließen. Immerhin zeigt sich der Wähler im großen und ganzen mit der Politik von Präsident George W. Bush zufrieden. Man wünscht eine weiter harte Hand in bezug auf die Außenpolitik und keinen Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik und anderen Sparten. Doch was heißt das?

Aufgeschlüsselt nach der Bedeutung für den Aktienmarkt achten Experten zunächst auf die Steuerpolitik der Bush-Regierung. Die hat in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode volle Rückendeckung in Senat und Repräsentantenhaus - die Demokraten sind vorerst endgültig in der Opposition abgerutscht. Damit dürfte ein neues Gesetz zur Abschaffung der Doppelbesteuerung der Dividenden bald abgesegnet werden, was ein Argument ist, warum Investoren den Republikanerkurs unterstützen. Auch einige Sektoren profitieren direkt davon, dass Bush ungehindert weiter regieren darf, darunter die Pharma- und die Rüstungsbranche.

Pharmazeuten von Pfizer über Merck zu Bristol-Myers Squibb und Eli Lilly hatten in der Vergangenheit vor allem zwei Probleme. Ihre Preispolitik war ins Blickfeld der Demokraten gerückt, denen Medikamente zu teuer schienen, und die Preislimits auf Arzneimittel legen wollten. Außerdem standen die Demokraten für eine Liberalisierung des Pharmamarktes durch kürzeren Patentschutz und bessere Marktbedingungen für die Hersteller von Generika, die im vergangenen Jahr manchem Millionen-Dollar-Präparat den Markt abgegraben hatten. Nun jubelt die Branche: Man muss sich zunächst weder um die Preise noch um unliebsame Konkurrenz sorgen - doch wie sieht das der Verbraucher? Ihm wären die beiden Reformvorschläge der Demokraten zugute gekommen. Und mit dem Verbraucher steht und fällt die Wirtschaft, wann wäre das je deutlicher gewesen als zur Zeit, da Verbrauchervertrauen und-Ausgaben einheitlich im Keller sind und die Konjunktur nicht auf die Beine kommt.

Auch die Rüstungsbranche feiert den Wahlsieg der Republikaner. Man rechnet mit weiter steigenden Ausgaben der US-Regierung für Waffen, Panzer, Flugzeuge - man hofft auf das große Geschäft mit dem Krieg. Das jedoch kommt einem äußerst kleinen Marktsegment zu, dass bereits im laufenden Jahr einen Etat von mehr als 360 Mrd. $ hat. Dieser Etat wirkt sich zwar massiv auf das Wirtschaftswachstum aus - immerhin wird konsequent im eigenen Land produziert -, doch ist dieses Wachstum nicht stabil. Es mag ausreichen, Zahlen über einen kurzen Zeitraum aufzublasen, doch zeugt es nicht von wirklichem Aufschwung.

So stellt sich die Frage, was das gute Ergebnis für die Unternehmen bedeutet - und worauf sich der Verbraucher, der Aktionär, der Amerikaner einstellen muss.

Ähnlich kompliziert verhält es sich mit der anstehenden Zinsentscheidung der Fed. Der Offenmarktausschuss der Notenbank tagt seit dem frühen Morgen in Washington, und Experten an der Wall Street sind sich einig, dass man die Leitzinsen um 25 Basispunkte senken wird. Doch könnten die Meinungen nicht weiter auseinander gehen, wenn es gilt, einen solchen Zinsschritt zu interpretieren. Optimisten sehen den Verbraucher ebenso von niedrigeren Zinsen profitieren wie die Unternehmen. Erstere können noch billigere Kredite aufnehmen, letztere können ihre Schulden umfinanzieren und dabei sparen.

Stimmt alles gar nicht, halten einige andere Experten dagegen. Am unteren Ende der Zinskurve sei die Sensibilität so gering, dass sich ein niedrigerer Leitsatz auf die Marktzinsen gar nicht mehr auswirke. Und einen Schritt weiter denkt William Dunkelberg, Professor für Volkswirtschaft an der Temple Universität in Philadelphia. "Wenn die Fed die Zinsen weiter senkt, dann liefert sie den Beweis für die Nutzlosigkeit ihrer bisherigen Fiskalpolitik", schimpft er und warnt vor langfristigen Schäden durch einen massiven Vertrauensverlust gegenüber den Währungshütern.

Unterdessen bekommt das Anlegervertrauen am Mittwoch einen Schub. Denn in einem Wust höchst differenter Nachrichten steckt eine Schlagzeile, auf die man seit Tagen gewartet hat: Harvey Pitt ist zurückgetreten. Der umstrittene SEC-Chef, der seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr von einem Fettnäpfchen in das nächste getreten und seine Glaubwürdigkeit systematisch ruiniert hatte, räumt seinen Platz an der Spitze der wichtigsten US-Kontrollbehörde. Als potentielle Nachfolger sind am Mittwochmorgen hochkarätige Namen im Spiel, darunter der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani, der ehemalige Nasdaq-Chef Frank Zarb und die ehemalige SEC-Kommissarin Laura Unger.

Dennoch stellt sich auch im Zusammenhang mit Pitts Rücktritt die Frage, warum der Schritt gerade jetzt erfolgen musste. Offiziell sagt man, Pitt wollte den Wahlerfolg seines Parteifreundes Präsident Bush nicht gefährden, denn der hatte ihn ins Amt berufen und wäre durch einen Rauswurf des SEC-Chefs in Erklärungsnöte gekommen. Viel nachvollziehbarer scheint eine andere Version: Bush hätte durch einen klaren Bruch mit Pitt seine harte Linie in bezug auf die Vertrauenskrise an der Wall Street demonstrieren können. Doch er zog es vor, an einem Mann festzuhalten, der so offensichtlich untragbar war, dass man nun an der Konsequenz und Kompetenz des Präsidenten in Sachen Anlegerschutz zweifeln darf. Ein Rücktritt Pitts vor der Wahl wäre der sauberere Weg gewesen, ein Rauswurf eine gute Alternative.

Nun ist es wieder Bush, der einen neuen SEC-Chef berufen wird. Nach dem Fehltritt mit Harvey Pitt muss sich der Präsident diese Personalie gut überlegen. Der Anleger indes muss unter Umständen noch einige Tage zappeln, bis aus Washington eine Entscheidung kommt.

© Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%