Die Börsenkolumne aus New York
Nicht viel Gutes zum Geburtstag

Ein dritter Geburtstag ist ein Freudentag. Mama und Papa tragen den Schokokuchen auf, Oma bringt Geschenke, alle Freunde tanzen unter Luftschlangen - und das Geburtstagskind strahle den ganzen Tag bis über beide Ohren. Am Montag ist das nicht so: Der Bärenmarkt feiert dritten Geburtstag, und an der Börse ist die Stimmung trübe.

Vorbei sind die goldenen Zeiten, als geschickte Anleger mit Cisco oder Siebel oder Dell ein Vermögen verdienten, als jedes Unternehmen mit der Endung .com einen Freifahrtschein ins Aktienparadies darstellte. Am 10. März 2000 notierte die Nasdaq - die damals ein Index für "Wachstumswerte" war - auf 5 048 Punkten. Seither geht?s abwärts.

Nur zwei Monate nach dem historischen Hoch hatte die Nasdaq 33 % an Wert verloren, sie notierte mit 3384 Punkten nahe ihres ersten Zwischentiefs. Misstrauisch blickte man rüber zum Dow, zur "Old Economy", wo Investoren nur acht Wochen zuvor das gleiche Schicksal erfahren hatten.

Rückblick: Der Dow hatte sein historisches Hoch am 14. Januar bei 11 722 Zählern gesehen - und danach in zwei Monaten 13 % verloren. Auch der Standardindex notierte plötzlich auf 10 211 Punkten und damit auf einem ersten von bislang sechs Zwischentiefs. Wenige Tage vorher war man sogar in den vierstelligen Bereich gerutscht.

Wie auch immer, die Zwischentiefs zwei Monate nach den respektiven Hochs wären heute Traumpegel für die gebeutelten Aktienbarometer. Am Montagmittag blickt die Nasdaq auf einen Wertverlust von mittlerweile 75 %, der Dow hat 36 % verloren und dem marktbreiten S&P 500-Index sind in drei Jahren 47 % abhanden gekommen.

Die Gründe für den dramatischen Wertverfall an den US-Börsen sind längst nicht mehr mit Fingern abzuzählen. Die grenzenlose Euphorie, die Unternehmen, Analysten und Anlegern einen Schleier überwarf, die hier ein wenig Klarsicht nahm und dort zum völligen Moralverlust führte, war sicher der Grundstein allen Übels. Dann gingen die ersten Unternehmen mangels Kunden ein, andere brachen unter ihrer Schuldenlast zusammen, bevor sie jemals Gewinn gemacht hätten. Irgendwann brachen die zusammen, die sich lange durch die Krise geschwindelt hatten, die Umsätze aufgebläht und Gewinne erfunden hatten, und irgendwann brachen auch die soliden Firmen ein, da geopolitische Umstände und eine schwache Konjunktur das Investitionsvermögen der Unternehmen ebenso drosselten wie die Ausgaben der Konsumenten.

Zu schön wäre es jetzt, wenn sich aus den aktuellen Schlagzeilen irgendwie eine Wende herbei interpretieren ließe. Doch das will nicht gelingen. Die Bilanzskandale, die im vergangenen Jahr die Börsen erschütterten, sind längst nicht ausgestanden. Die Investitionen verbessern sich nicht, da Unternehmen nicht wissen, was die Zukunft bringt. Ein bevorstehender Krieg verunsichert die Verbraucher weiterhin. - Und Aktien sind gemessen an den Gewinnen der Unternehmen marktbreit noch immer teuer. Nicht zuletzt deshalb hat erst in der vergangenen Woche der Investmentguru Warren Buffet erklärt, auf absehbare Zeit "nur wenig in Aktien" zu unternehmen. "Die Kunst des guten Investierens liegt darin, auch mal nicht tun zu können", meinte der Weise vielsagend - eine Erholung der Märkte ist für ihn nicht in Sicht.

Entsprechend trüb ist die Stimmung am Montag, dem dritten Geburtstag des Bärenmarkts. Statt Luftschlangen nur heiße Luft, statt Champagner nur kalter Kaffee und Geschenken weitere Verluste. Die Nasdaq gibt bis Mittag 1,6 % ab, Dow und Nasdaq präsentieren sich ähnlich matt.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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