Die Börsenkolumne aus New York
Quo vadis, Wall Street?

Die Bullen haben das Zepter übernommen, die Bären sind eingeschüchtert vom Parkett getapst, und die Realisten - oder die sich dafür halten - schütteln den Kopf. Sie sind ratlos und lassen sich in diesen Tagen nicht gerne um Rat fragen. Denn niemand weiß, warum die Kurse weiter steigern, und wie lange die zuletzt etwas müden Bullen noch durchhalten.

wsc NEW YORK. Lasst sie galoppieren, hatte man noch vor ein paar Wochen gesagt, als Dow und Nasdaq Anfang Oktober in eine Herbst-Rallye starteten. Lange genug hatten sich die Bullen nicht mehr zu Wort gemeldet, und man hoffte ja auch darauf, dass ein stärkerer Aktienmarkt dem Verbraucher und damit auch der Konjunktur vorauseile, die beiden dann auch mitziehen könnte. Doch danach sieht es gar nicht aus. Dem schwachen Ausblick der Unternehmen für Q4 setzte man eine ökonomische Trendwende entgegen - die dann nicht kam. Der schwachen Konjunktur setzt man jetzt einfach starke Kurse entgegen - die so gar nicht durchhalten können.

So endete eine Argumentationskette aus Logik und Flucht im Nirgendwo. Anfangs hatte der Markt satte Gewinne und Optimismus vor dem vierten Quartal eingepreist. Als beides nicht kam, hatte man starke Konjunkturdaten im Blick. Als die nicht kamen, preiste man eine Zinssenkung ein, die am Mittwoch stattfinden könnte - deren wahrer Nutzen für den Markt aber nicht so klar zu erkennen ist.

Wenn der Markt in Kürze einbrechen wird - und das wird er! - dann liegt das an dieser Inkonsequenz der Anleger. Die begründen weitere Zukäufe mit immer neuen Voraussagen, die zuletzt nicht stimmten. Doch statt irgendwann zu verkaufen, oder zumindest ganz ruhig zu stabilisieren, feierten sie ausgelassen weiter. Jetzt sind sie heiß und gefährlich, überall in der Arena flattern rote Tücher und es ist nur eine Frage der (allernächsten) Zeit, wann das Rudel durchdreht und zu einer unberechenbaren Gefahr wird. Dann heißt es wieder: Rette sich wer kann.

Nun ist die neue Woche schwer einzusehen. Die Wahlen am Dienstag dürften den Markt nicht maßgeblich bestimmen. Die Fed-Sitzung am Mittwoch könnte sich auf verschiedenste Weise auswirken, und nach der erwähnten Inkonsequenz der Anleger in den vergangenen Wochen will kaum jemand eine Prognose für den Dow auf Wochenfrist wagen.

Warum auch? Wenn die Notenbank die Zinsen um 50 Punkte zurück fährt, dann dürfte das die Kurse nur so lange stützen, bis der Markt merkt, dass außer einigen hoch verschuldeten Unternehmen niemand von einer solchen Fiskalpolitik profitiert. Senkt die Fed die Zinsen um 25 Basispunkte wäre das eine vielleicht angemessene Reaktion auf die schwache Konjunktur und die Psychologie der Anleger, die sich dann aber nicht entscheiden können. Hatte man eine Zinssenkung an sich eingepreist oder einen Abschlag um 50 Punkte, da man weniger nicht für wirksam erachten wollte?

Senkt die Notenbank die Leitsätze gar nicht, dürfte das oberflächlich betrachtet den Markt schwächen - weniger Liquidität, weniger Aktienkäufe. Allerdings dürften sich diejenigen zu Wort melden, die schon nach den Zinssenkungen des vergangenen Jahres die augenscheinliche Stabilität auf 1,75 Prozent für ein Zeichen neuen Vertrauens in den Markt hielten und deshalb Aktien kaufen.

Man wird die Woche abwarten müssen, um langfristige Prognosen an den Markt zu stellen. Traumtänzer dürfen sich derweil ein paar Zahlen vor Augen halten, die ihren Optimismus dämpfen dürften. Trotz der außergewöhnlichen Rallye in den vergangenen fünf Wochen hat der Dow auf Jahressicht 15 Prozent an Wert verloren, die Nasdaq handelt mit einem Minus von 30 Prozent.

© Wall Street Correspondents, Inc.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%