Die Börsenkolumne aus New York
Ritter Alan braucht die Rüstung

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte - doch manchmal ist einfach keine Kamera da, oder die Übertragung klappt nicht. Dann muss sich der Zuschauer mit Bildern von ödem Geklatsche zufrieden geben.

wsc NEW YORK. So zeigte der US-Börsensender CNBC nicht etwa, wie Englands Queen Elizabeth II. den Notenbankchef Alan Greenspan mit güldenem Schwert zum Ritter schlug, sondern wie der Fed-Chairman und seine Gattin mit dem Königspaar plauderten. Händeschütteln statt Ritterkult, Small Talk statt schallender Fanfaren.

Doch fand die Zeremonie in London statt, und man kann sich ja einfach vorstellen, wie der verdiente Chairman vor der Queen kniet und die höchste Ehre des Empires empfängt. "Sir" darf er sich nicht nennen, weil er ja Amerikaner ist und nicht Brite, aber er darf sich die Buchstaben KBE auf die Karte schreiben -"Knight of the British Empire". Wenige Landsleute dürfen das, unter ihnen sind der frühere New Yorker Bürgermeister und 9/11-Held Rudy Giuliani, General Norman Schwartzkopf und Regisseur Steven Spielberg.

Doch bei aller Ehre ist sicherlich auch Alan Greenspan selbst eine gewisse Ironie nicht entgangen: Da empfängt er den Ritterschlag für seine Verdienste um die Stabilität der Wirtschaft ausgerechnet in einem Moment, in dem die Konjunktur so geschlagen darniederliegt wie seit dunkelsten Rittertagen nicht mehr. Und längst schlägt dem obersten Währungshüter nicht mehr nur blanke Bewunderung entgegen, sondern bisweilen auch harsche Kritik.

Noch immer huldigt man Greenspan zwar offiziell, doch hinter den Mauern von Camelot macht sich Unruhe breit. Erst an diesem Dienstag kam Greenspans Tafelrunde nicht einmal zu einem einheitlichen Befund, als man über die weitere Zinspolitik beriet. Zwei Getreue stimmten dagegen, eine weitere Zinssenkung auszuschieben. Sie wollten den ohnehin schon historisch tiefen Leitsatz von 1,75 % auf 1,5 % senken, und zwar sofort. Sie wurden überstimmt. Camelot ist stabil, doch gibt es Ausreißer.

Dass beunruhigt den Markt. Die Wall Street dürfte durch diese Uneinigkeit im Gremium mehr Schaden genommen haben als aus der eigentlichen Entscheidung gegen eine weitere Zinssenkung. Der Markt brach am Dienstag auf ein Vier-Jahres-Tief ein, nachdem Greenspan seine Zinspolitik der unveränderten Sätze und das umstrittene Votum bekannt gemacht hatte.

Und dann ist da noch ein Faktor, der an Greenspans Aura des Unfehlbaren kratzt: der mögliche Krieg gegen den Irak. Dessen Folgen für die Konjunktur sind völlig unabsehbar. Stärkt ein schneller Sieg die US-Wirtschaft? Oder führen ein Ölpreis um 100 $ und schwindendes Verbrauchervertrauen das Land zurück in die Rezession. Greenspan weiß es natürlich nicht, doch das macht ihn angreifbar.

In den zurückliegenden Jahren wurde der Chairman als eine Art Orakel ebenso angesehen wie als regulierende Allmacht mit dem untrüglichen Blick für Hintergründe und Langzeitbewegungen. "Sie sind der größte Fed-Chairman aller Zeiten", bauchpinselte noch vor zwei Monaten der Vorsitzende des Finanzsausschusses im Kongress, der demokratische Senator Paul Sarbanes - heute hält er sich mit derlei Lob zurück. Zumal Greenspan bereits in genau jener Sitzung Mitte Juni einräumen musste, dass er den Markt über- und die Vertrauenskrise unterschätzt hatte.

So hält sich Greenspan mit erhellenden Prognosen zur Zeit zurück. Er formuliert vorsichtig um Probleme herum, um bloß nicht in eine Sackgasse zu steuern. Am 6. November tagt die Fed zum nächsten Mal, bis dahin dürfte sich Greenspan kaum mit neuen Erkenntnissen und Analysen in die Öffentlichkeit drängen. Dann jedoch, einen Tag nach den Kongresswahlen und möglicherweise etwas näher an einem Krieg, wird er wieder prophezeien und entscheiden müssen. Solange wird er sich bedingt Zuspruch, vor allem aber auch viel Kritik anhören müssen. Und vielleicht wünscht er sich die Ritterrüstung, die ihm amerikanische Karikaturisten am Donnerstag bereits angezogen haben.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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