Die Börsenkolumne aus New York
Skandale bestimmen Wall Street und Basketball-Felder

Wer morgens auf das New Yorker Parkett tritt, fragt zuerst nach dem "Fraud de jour" - dem aktuellen Betrug des Tages. Das klingt dann immer ein bisschen lustig, aber es zeugt vor allem von Resignation, wenn Händler und Analysten mit einem Schmunzeln nachfragen, wer denn heute wegen millionenschwerer Bilanzschmierereien am Pranger steht.

wsc NEW YORK. Am Donnerstag ist es Bristol-Myers Squibb. Der Pharmakonzern soll den Umsatz im letzten Jahr um 1 Mrd. $ aufgestockt hat, indem man dem Medikamentenzwischenhandel mit unlauteren Mitteln unverhältnismäßig hohe Lagerbestände aufgenötigt habe. Bisher liegt zwar keine Anklage vor, und es laufen auch lediglich informelle Ermittlungen, doch reicht das im aktuellen Umfeld aus, den ohnehin seit Monaten fallenden Aktienkurs noch einmal in den Keller zu schicken.

Dabei steht der Pharmasektor ohnehin unter Druck.. Die ehemals defensiven Aktien von Pfizer, Merck, Johnson & Johnson, Schering-Plough, Pharmacia und anderen verlieren seit Jahresbeginn ausnahmslos, viele notieren auf historischen Tiefständen. Der Branchenindex hat in vier Monaten ein Drittel seines Wertes eingebüßt - und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Goldman Sachs warnt am Donnerstag, die Bewertungsmaßstäbe für die Branche hätten sich geändert: Günstige Kurse vieler Aktien dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Unternehmen unter steigenden Kosten für Forschung und Entwicklung und unter zunehmendem Preisdruck zu leiden hätten.

Der Preisdruck könnte noch viel stärker werden, wenn in diesen Tagen das so genannte McCain-Schumer-Gesetz durchgehen sollte. Die beiden Senatoren setzen sich parteiübergreifend dafür ein, die patentgeschützte Monopolstellung der Pharmariesen zu sprengen und den Arzneimittelmarkt für günstige Generika freizugeben. Die verbraucherfreundliche Idee - Generika kosten den Patienten durchschnittlich zwei Drittel weniger als Markenprodukte - könnte manchem Konzern das Grab schaufeln.

Senator McCain, der vor zwei Jahren im Vorwahlkampf gegen George W. Bush angetreten war, macht am Morgen noch auf eine andere Art Schlagzeilen: Er fordert erneut den Rücktritt von SEC-Chef Harvey Pitt, der seit Wochen als zu zahm kritisiert wird. Präsident Bush hält indes weiter an Pitt fest. Der Senat hat unterdessen die Maßnahmen ratifiziert, die Bush in seiner Rede am Dienstag an der Wall Street gefordert hatte - wohl wissend, dass man sich auf einem schmalen Grad befindet. "Es ist an der Zeit, dass wir hart durchgreifen", sagt der demokratische Senator Joe Lieberman. "Wir müssen aber aufpassen, dass wir uns nicht pauschal gegen die Unternehmen stellen."

Tatsächlich fürchten Experten, dass manche Gesetze ein Schuss in den Ofen sein könnten. "Wenn wir jeden CEO für eine Falschaussage einsperren, dann könnte es auch zu einem Zusammenbruch jeglicher Kommunikation zwischen Unternehmen und Investoren kommen", fürchtet Wall Street-Urgestein Bill Seidman. Schließlich könne es durchaus passieren, dass ein CEO einen satten Quartalsgewinn ankündigt und diesen am Ende einfach nicht erreicht. Dann habe man sich in erster Linie verkalkuliert und nicht vorsätzlich den Anleger irre geführt.

Ein Skandal macht unterdessen nicht nur an der Wall Street die Runde, sondern vor allem in den Klatschmagazinen, auf den Sportseiten amerikanischer Zeitungen und auf den Schulhöfen von New York bis Los Angeles. Der Basketball-Profi Allen Iverson soll nach einem Ehestreit seine Frau in diversen Appartements und Hotels gesucht haben - mit einer Waffe im Hosenbund. Wenn der Star der "Philadelphia 76ers" verurteilt und von der NBA ausgeschlossen wird, dann hätte Sponsor Reebok ein Problem. Denn der macht gut 5 % seines Umsatzes mit Artikeln rund um Iverson - und diese Verkäufe sind ebenso image-bezogen wie die Umsätze der gefallenen TV-Sauberfrau Martha Stewart, die nicht nur auf dem Parkett in Ungnade gefallen ist, sondern auch beim Verbraucher unten durch scheint.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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