Die Börsenkolumne aus New York
Trübe Fenster: Kein Schmuck, kein Durchblick

Am Kühlschrank hängt ein Zettel von meiner Putzfrau: "Hi Guys, kauft Windex, dann kann ich die Fenster machen." Ich bin rüber in den Supermarkt und habe eine Flasche Fensterreiniger gekauft.

wsc NEW YORK. Am Wochenende wird Carolina ans Werk gehen und dann kann ich auch wieder auf die Straße schauen. Gerne würde ich einen Schritt weitergehen und mit noch ein paar Blumen oder wenigstens Efeu vors Fenster hängen, doch das scheitert an den Bauvorschriften. Fenster putzen geht - Fenster schmücken nicht.

Damit geht es mir besser als den Fondmanagern an der Wall Street. Deren "window dressing", also das schmücken, ist mit den Warnungen von Philip Morris, SBC Communications und einiger Chip-Hersteller auch völlig daneben gegangen. Eigentlich hatte man zum Quartalsende am Montag die Kurse noch einmal richtig schön hochtreiben wollen - daher die Rallye am Mittwoch und Donnerstag -, doch am Freitag geht es für den breiten Markt wieder abwärts und die Gewinne der letzten Tage sind weitgehend dahin.

Dabei hätte man ein wenig Schmuck wirklich nötig gehabt. Im dritten Quartal, dem nach dem Wochenende nur noch ein einziger Handelstag bleibt, haben Dow, Nasdaq und der branchenübergreifende S&P 500 ganze 15 % an Wert verloren - welcher Fondmanager tritt schon gerne mit solchen Zahlen vor seine Kunden?

Worunter die Fondmanager indes noch mehr zu leiden haben ist, dass nicht nur das "window dressing" fehlschlägt, sondern dass ihnen - im Gegensatz zu Carolina - auch das Fenster putzen schwer fallen dürfte. Selten zuvor in der Geschichte der Börse war der Markt so undurchsichtig wie in den vergangenen Monaten. Und wo ständig Gewinn- und Umsatzprognosen revidiert, Erwartungen verfehlt, Zahlen vertauscht und Millionen falsch verbucht werden, geht der Durchblick verloren. Die Kaffeesatzleserei, die Konjunkturexperten seit geraumer Zeit betreiben, und die ebenfalls nur zu unklaren und von der Realität oft weit entfernten Prognosen führt, hilft Anlegern dann auch nicht gerade weiter.

Was tun, lautet die Frage, die in den Köpfen aller rumort, die auch nur im Entferntesten mit dem Markt zu tun haben - doch eine Patentlösung scheint sich nicht zu finden. Windex kaufen nutzt nichts, zumal der Hersteller nicht mal börsennotiert ist.

Eine Möglichkeit, den Markt zu ordnen, wäre vielleicht, zumindest einen Teil der großspurig angekündigten Vorhaben in bezug auf die Vertrauensschaffung zu realisieren. Denn es ist nach wie vor das fehlende Vertrauen in die Märkte, dass zuletzt häufig zu irrationalen Handelsmustern führte, die nicht mehr auf der Analyse fundamentaler Daten fußen, sondern auf Emotionen basieren.

Dass die Tyco-Gauner Dennis Kozlowski und Mark Swartz am Freitag schon wieder als freie Leute aus einem New Yorker Gericht schreiten, hat dem ohnehin schwachen Markt einen weiteren Stoß versetzt. Beiden ist es nun tatsächlich gelungen, ihre Kaution mit genau dem Geld zu begleichen, dass sie sich bei Tyco widerrechtlich beschafft haben, und weswegen sie eben nun vor Gericht stehen. Der Richter gab zwar vor, die Argumentation eines völlig verärgerten Staatsanwalts zu verstehen, akzeptierte die Millionen dann aber doch und ließ die Angeklagten gehen. Von einer lange angekündigten und dringend notwendigen härteren Gangart gegenüber Steuer-, Finanz- und Bilanzbetrügern ist nichts zu spüren.

Natürlich hätten die Kurse an der Wall Street zum Wochenschluss auch keine Luftsprünge gemacht, wenn man Kozlowski und Swartz ins Gefängnis gesteckt hätte. Doch wäre es ein erster Schritt aus der Vertrauenskrise gewesen, ein Symbol, das Anleger gerne gesehen hätten. Aus Sicht der Börse bleibt zu hoffen, dass die beiden zumindest in der Hauptverhandlung im Frühjahr 2003 einen härteren Richter finden, der die zwei Top-Betrüger für einige Jahre hinter Gitter schickt.

Eine eventuelle Haftstrafe könnten Kozlowski und Swartz übrigens im Gefängnis auf Ryker Island absitzen. Von dort aus hätten sie einen schönen Blick auf den Norden Manhattans und die mächtige Triboro Bridge. Vorausgesetzt die Fenster sind sauber und die Gitterstäbe nicht allzu eng beieinander.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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