Die Börsenkolumne aus New York
Wall Street Inside: Ein Selbstmord und seine Folgen

Ein schwarzer Wochenstart für die Wall Street. Die beiden Indizes waren mit einer Spur Optimismus in den Juni gegangen, doch schon nach einer halben Stunde rutschten Dow und Nasdaq in die Miesen. Der Grund sind Misstrauen und massive Unsicherheit am Markt.

NEW York. Schockiert reagiert man auf dem Parkett auf den Selbstmord von Charles Rice. Der Schatzmeister des Energiekonzerns El Paso hat sich am Sonntag in seinem Appartement in Houston das Leben genommen. Sein Tod legt Parallelen zu einem ähnlichen Fall nahe: Im Januar hatte sich Clifford Baxter, Vize-Chairman im Aufsichtsrat des in Konkurs gegangenen Energieriesen Enron, das Leben genommen.

Keine Branche ist zur Zeit so umstritten wie der Energiesektor. Unternehmen haben offensichtlich Scheingeschäfte in Milliardenhöhe getätigt und Bilanzen gefälscht. Staatsanwaltschaft und Börsenaufsicht ermitteln in alle Richtungen. Zuletzt haben sich einige Beteiligte aus der Verantwortung gestohlen, Vorstands-Vorsitzende und-mitglieder sind reihenweise zurückgetreten. Die Tragik eines Selbstmordes nimmt nun aber auch die abgehärteten Marktteilnehmer mit.

Doch es ist weniger der Selbstmord alleine, der beunruhigt. Es ist die Reaktion darauf, die zeigt, wie krank der Markt vor allem im Energiesektor ist. Der Kurs von El Paso brach um 25 % ein, als die Todesnachricht aus Texas kam. Wenig später wurde bekannt, dass der Finanzchef "massive gesundheitliche Probleme" gehabt haben soll. Der Kurs erholte sich, El Paso verliert am Nachmittag nur noch 15 %. Anleger sind offensichtlich so empfindlich, dass sie beim kleinsten Verdacht auf weitere Schmierereien Papiere abstoßen, und dabei große Verluste in Kauf nehmen.

Dazu passt, dass Aktien des El Paso-Konkurrenten Williams am Morgen eine Abstufung auf "Vermeiden" hinnehmen müssen. Dieses Wort sagt vieles aus. Es wiegt schwerer als "Verkaufen", denn das ist immer noch eine Tätigkeit im normalen Handelsgeschehen. "Vermeiden" impliziert eine Drohung. Es heißt Gefahr, Finger weg, da ist gar nichts mehr zu machen.

Weniger dramatisch als der Selbstmord von Charles Rice ist der Rücktritt von Tyco-CEO Dennis Kozlowski. Und trotzdem ist auch dieser eine wichtige Schlagzeile des Tages. Der Chef des Industriemultis wurde von seinem Vorstand zum Ausstieg gezwungen, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Steuerhinterziehung. Tyco hatte zuletzt viel Anlegervertrauen verspielt, nachdem man die Unternehmenspolitik mehrfach geändert hatte. Hieß es zunächst, man wolle den Mischkonzern aufsplitten und vier Kernbereiche gesondert an der Börse notieren, nahm man davon bald wieder Abstand. Nun soll nur die Finanzsparte CIT ausgegliedert werden, mit Kozlowski oder ohne. Die Aktien von Tyco geben am Montag 25 % ab.

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