Die Börsenkolumne aus New York
Wall Street profitiert von Kickern und Tigern

Erfährt die Wall Street zum Wochenstart einen "Kick"? Oder ist sie in "Schwung" gekommen? Das hängt von der sportlichen Ausrichtung des Beobachters ab: Der eine meint, die Wall Street profitiere von guter Laune nach dem sensationellen Sieg der US-Fußball-Nationalmannschaft gegen Mexiko, die anderen beschwören den "Tiger-Effekt", nachdem Tiger Woods am Sonntag die US Open gewonnen hat.

NEW YORK. Alles Humbug - oder ist da was dran? Für den "Tiger-Effekt" gibt es zumindest eine Statistik: Nachdem Football-begeisterte Anleger mit dem "Super Bowl"-Indikator schon seit Jahren vertraut sind, hat das Brokerhaus HL Camp einen Index für den milliardenschweren Sonnyboy des Golfsports entwickelt: Der besagt, dass der Dow Jones am ersten Handelstag nach einem Woods-Sieg in 71 Prozent der Fälle geklettert ist, für einen Sieg bei den US Open traf dies bislang in 61 Prozent der Fälle zu. Ein Zusammenhang zu konjunkturellem Aufschwung, ein Kaufrausch in Supermärkten und Malls, ein nachhaltiger Run auf Aktien wurde indes nie beobachtet.

Noch schwieriger dürfte es unterdessen Fußball-Fans fallen, den Einzug ihrer Elf ins Viertelfinale in einen börsentechnischen Zusammenhang zu bringen. Manche munkeln, dass es Sportartikler wie Nike und Reebok nun viel leichter fallen würde, Fußball-Artikel an den Mann zu bringen - doch das ist Augenwischerei. Selbst ein Finalsieg der Amis dürfte im Land von Foot-Base-Basketball höchstens für kurzfristiges Interesse am Fußball sorgen - und der ist noch in weiter, fast unerreichbarer Ferne. Ein Fünkchen Hoffnung für den Sport gibt es aber: An den amerikanischen Colleges ist Fußball die schnellst wachsende Sportart.

Ob auch die Kinder von Joe Nacchio Fußball spielen, lässt sich am Morgen auf dem Parkett nicht klären. Doch was auch immer die Kids spielen - Fußball, Baseball oder Golf -, ihr Vater wird sie nun häufiger zum Training begleiten können, denn genau dafür hat er seinen Job als CEO beim Kommunikationsriesen Qwest gekündigt. So jedenfalls steht es in einer ersten Presseerklärung, und vielleicht hat man tatsächlich geglaubt, Anleger würden die Erklärung akzeptieren und nicht darauf kommen, das Nacchios Rückgang etwas damit zu tun haben könnte, dass der Börsenwert von Qwest zuletzt um mehr als 90 Prozent abgenommen hat. Die Anleger begrüßen Nacchios Abschied auf jeden Fall, die Aktie legt mehr als 20 Prozent zu.

Nacchio ist nicht der einzige CEO, der am Montag Schlagzeilen macht: Auch Martha Stewart steckt in Schwierigkeiten. Die bekannteste amerikanische TV-Heimwerkerin und-Bastlerin (das US-Pendant zu Jean Pütz) hat ein mehrere Millionen Dollar schweres Aktienpaket am Biotech-Riesen ImClone verkauft, und zwar einen Tag vor der Entscheidung der Gesundheitsbehörde FDA, das Krebsmittel Erbitux vorerst nicht zuzulassen. Die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt gegen Martha Stewart, deren Tochter mit ImClone-Chef Waksal liiert war, wegen möglicher Insidergeschäfte. Dvon sill Stewart nichts wissen: Die Verkaufsorder sei bereits seit Wochen mit ihrem Broker abgesprochen gewesen - allein, der erinnert sich anders und belastet Stewart. Diese kann indes nicht, wie Nacchio, einfach den Hut nehmen: Sie ist CEO und Produkt in einem.

Schade ist das für ihre Kinder, die beim Fußball-Training weiter auf elterliche Unterstützung verzichten müssen. Vielleicht werden sie ja trotzdem einmal gute Kicker und schießen die USA zusammen mit den Nacchio-Kids in ein paar Jahren sogar bis ins Halbfinale. Oder ins Finale. Oder noch weiter. Auf dass der Dow Jones dann wieder dreistellig zulegt.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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