Die Börsenkolumne aus New York
Was Bilanzen und Mittagessen verraten

Die Stimmung an der Wall Street war schon am frühen Morgen gut, obwohl Dow und Nasdaq mit leichten Verlusten in den Handel gegangen waren. Denn zum einen hatte man nach einer Zweieinhalb-Prozent-Rallye zum Wochenauftakt schon damit nicht unbedingt rechnen können, und zum anderen zeichnete sich bald ab, dass die Indizes noch einmal ins Grüne klettern würden.

NEW YORK. Am Mittag notieren nun Dow und Nasdaq mit leichten Gewinnen - doch hintergründig betrachtet drückt das nur bei manchen Werten Optimismus aus, bei anderen Werten eher blinde Hoffnung und bei manchen gar nichts. Streng genommen drückt das sogar bei den allermeisten Werten gar nichts aus, denn das Handelsvolumen ist gering und lässt nicht eben auf nachhaltige Stabilität hoffen.

Während also einige Anleger über kurzfristige Gewinne jubeln, macht sich auf dem Parkett eher Gleichgültigkeit breit. Eine Flut von Händlern und Analysten hat zur Mittagspause die Wall Street verlassen und luncht im Restaurant um die Ecke - höchst ungewöhnlich, denn normalerweise liefern Delis korbweise Sandwiches direkt aufs Parkett. Das heißt, normalerweise liefern die Delis nur bis an die Sicherheitsschleusen, wo ein gutes Dutzend Uniformierter die Pausensnacks durch den Sprengstoffdetektor schickt. Erst was unter Aufsicht der Security-Guards gescannt worden ist, darf zwischen Lehman, GE und Tyco verzehrt werden.

Doch, wie gesagt, am Dienstag essen die meisten auswärts, während der Markt vor sich hin dümpelt. Erwartungsgemäß fällt Oracle leicht - am Abend steht die Quartalskonferenz des Software-Herstellers an, und nach einem flotten Sprint am Vortag fragen sich Anleger zurecht, ob ihr vorauseilendes Vertrauen in das ewige Sorgenkind der Branche nicht doch übertrieben war. Zwar hatte CEO Larry Ellison erst vor einigen Wochen angedeutet, man werde die Gewinnprognosen treffen, doch macht man sich erneut und nicht ohne Grund Sorgen um die Umsatzentwicklung.

Überhaupt beginnt man nach einigen Tagen, in denen weniger über Bilanzen als über geschasste CEOs und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen diesen und jenen diskutiert worden war, sich wieder um Bilanzen zu kümmern. Alte Tugenden werden hervorgekramt: Nicht auf den Gewinn ist zu achten, sondern auf den Umsatz. Analog trifft es die Aktie von Lehman Brothers, die im Handel leicht unter Druck steht. Nicht auf die Prognosen achten, heißt es hier, sondern auf das "Big Picture". Denn zwar hat das Brokerhaus, das am Morgen als erstes einer Reihe von Investmentfirmen Zahlen zu den abgelaufenen drei Monaten vorgelegt hatte, die Erwartungen der Kollegen erfüllt, doch täuscht das nicht darüber hinweg, dass die Gewinne gegenüber dem Vorjahr um gut ein Drittel zurückgegangen und die Geschäfte flau sind.

Was leiten wir daraus ab? Nun, zunächst einmal nichts. Der Rest der Branche meldet in den nächsten Tagen, Oracle in wenigen Stunden, vorher in großem Stil zu kaufen oder zu verkaufen hieße, blind zu setzen. Das wiederum erklärt das niedrige Handelsvolumen, mit dem es zur Wochenmitte, zumindest im High-Tech-Bereich, aufwärts gehen dürfte. Dann ist es auch wieder vorbei mit dem Lunch um die Ecke - die Delis dürfen wieder liefern, gegessen wird auf dem Parkett, Block und Kuli in der rechten, Putenbrust in der linken Hand.

© Wall Street Correspondents, Inc.

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