Die Börsenkolumne aus New York
Wird das neue Jahr nur eine Neuauflage des alten?

"Und täglich grüßt das Murmeltier" - Kinofans erinnern sich. Als mürrischer TV-Wetterfrosch wacht Bill Murray jeden Morgen auf und stellt fest, wieder den selben schrecklichen Tag aufs Neue zu erleben. Ein Albtraum ist das, aber das heißt nicht, dass sich so etwas nicht wirklich ereignen könnte. An der Börse zum Beispiel.

wsc NEW YORK. So etwas befürchtet zumindest Arnie Berman. Der Aktien-Stratege vom Hightech-spezialisierten Brokerhaus SoundView Technology Group sieht viele Parallelen zwischen der jüngsten Rallye an den US-Börsen und der Rallye zum Jahresende 2000 und 2001. "Mir scheint, als würde die ganze Sache noch einmal von vorne beginnen", sagt er - "und das ist das letzte was ich mir wünsche."

Wie bereits in den vergangenen beiden Jahren müsse man sich an der Wall Street nach dem laufenden vierten Quartal auf eine Ertragssaison unter den Erwartungen einstellen. Außerdem könnten die Unternehmen die mittlerweile wieder höheren Erwartungen an Umsätze und Gewinne zurückfahren, womit eine weitere Verkaufs-Welle vor allem für die Hightech-Aktien losgetreten würde. Bis März 2003 rechnet Berman mit einem Tief für die Nasdaq - ein Blick auf die Charts zeigt, dass es in 2001 und 2002 eben dieser Monat war, der Schwäche in den Hightechs konzentrierte.

Es ist indes nicht nur der trübe und pessimistische Blick nach vorne, der Berman mit dem Schlimmsten rechnen lässt. Vielmehr sieht er seine Vision in einigen Bewegungen der vergangenen Wochen bestätigt. Wie in den Jahren zuvor sei auch in 2002 eine Rallye im zweiten Quartal fehlgeschlagen, eine Bodenbildung sei ins dritte Quartal gefallen, und eine Rallye zum Jahresende fuße auf die selben Gründe wie eh und je: Man interpretiere saisonale Bewegungen als ein Signal für eine grundsätzliche Verbesserung der Konjunktur und hoffe darüber hinaus auf ein besseres Neujahr. - Das dann nicht kommt, weshalb der Zyklus von vorne beginne.

Bermans Logik ist bestechend, und der Stratege weist verbittert auf eine Tatsache hin, die auch in diese Kolumne nicht zum ersten Mal beklagt wird: Der Anleger springt von guter Nachricht zu guter Nachricht, kauft dann wie wild - und er will die schlechten Nachrichten nicht sehen. Gute Konjunkturdaten lösen seit Wochen Kursanstiege aus, schlechte Zahlen lassen die Kurse hingegen kaum abrutschen. Gute Unternehmensdaten oder auch nur ein Gewinn in Höhe der gesenkten Erwartungen lassen eine Aktie springen, schlechte Ergebnisse sind hingegen meist nach zwei oder drei Tagen vergessen und im Handel wettgemacht.

Vor allem im Hightech-Bereich gilt dieses Verhaltensmuster wie nirgendwo sonst. Zwei Beispiele aus der jüngsten Zeit belegen, wie leichtfertig der Markt nach oben ausschlägt. Am Dienstag verbesserte sich die Aktie von Siebel um ganze 6 Prozent, nachdem der Softwarehersteller erklärt hatte, man rechne im vierten Quartal mit einem höheren Umsatz als in den drei Monaten zuvor. Dass der Umsatz branchenübergreifend allein durch saisonale Schwankungen im viertel Quartal regelmäßig zunimmt, ließen Anleger außer Acht.

Beim Server- und Hardwarehersteller Sun Microsystems verzeichnete man Mitte der Vorwoche einen Kurssprung um 7 Prozent, nachdem das Finanzchef Steve McGowan die Umsatzziele für das laufende Quartal bestätigt hat. Anleger beachteten nicht, dass man bei sun Microsystems mit sinkenden Margen zu kämpfen und sich bislang nicht zu den Gewinnaussichten geäußert hat. Die Aktien von Sun Micro und Siebel notieren zur Zeit deutlich mehr als 50 Prozent über ihren Tiefständen von Oktober.

Weitere zweideutige Ankünsigungen von Hewlett-Packard oder Texas Instruments haben die Indizes in jüngster Zeit angetrieben. Ein paar gute Nachrichten waren dabei - und auch die Konjunktur-Indikatoren dieser Woche sind ja nicht schlecht -, doch sei dahin gestellt, ob sie Kurssprünge um 31 Prozent für die Nasdaq und um mittlerweile 57 Prozent für den Chip-Index Soxx rechtfertigen.

Dass sie Hightech-Aktien, wie auch die meisten übrigen Papiere, in dieser Woche mit negativer Tendenz handeln, ist ein gutes Zeichen. Eine starke Rallye über acht Wochen lässt zwar Investorenherzen höher schlagen, führt aber dann bald zum Infarkt. Die US-Börsen müssen sich auf einem gesunden Niveau einpendeln, und dass liegt wenige Wochen nach dem Tief sicher nicht 50 Prozent über den damaligen Ständen.

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