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Die Briten träumen von der Online-Wahl

Wähler per SMS, Wahl-Computer in Pubs und in Supermärkten - Großbritanniens Politiker gehen im Kampf gegen die Politikverdrossenheit neue Wege.

22 Millionen Briten haben gestern in ihren Kommunen gewählt. Erstmals wurde dabei in einigen Städten auch per Taste abgestimmt - mit dem Handy oder dem Computer. Nicht etwa als Testlauf nebenher, nein, richtig echt. Schon träumt Großbritannien von der ganz großen Online-Wahl. Wahrscheinlich noch nicht 2006, wenn die nächste Regierung bestimmt wird. Aber danach soll es auf der Insel endlich soweit sein mit der E-Democracy. Zumindest pumpt die Regierung in London Millionen in das E-Voting.

Mag sein, dass die englischen Politiker mehr unter Druck stehen. Bei der letzen General Election war die Wahlbeteiligung so niedrig wie seit 1918 nicht mehr. Mag auch sein, dass die Sozialdemokraten um Tony Blair damit vor allem den eigenen politischen Abgang verhindern wollen. Noch sitzt seine Labour-Partei zwar fest im Sattel, doch der Stern hat an Glanz verloren. Und eine Studie hat ermittelt, dass gerade junge, besserverdienende Online-Briten eher bei Labour die Taste drücken.

Man muss den Briten aber auch einfach zugestehen, dass sie mal wieder früher und stärker als andere in Europa auf technische Herausforderungen reagieren. Völlig unabhängig vom Erfolg des E-Votings - die Regierung in London setzt mit dem Einsatz ein klares Signal. Und das ist oft wichtiger als große Ankündigungen in Sonntagsreden.

Mit Blick auf die Diskussion in England muss aber auch klar gesagt werden: Technik kann Politik nicht ersetzen. Die Wahl per SMS ist vielleicht cool - sie stoppt aber nicht die zunehmende Politikverdrossenheit im Land. Und natürlich birgt die E-Aufbruchstimmung auch Gefahren. Wer schnell sein will, gerät schon mal ins Hudeln. Dass Computerterminals zur Kommunalwahl im örtlichen Supermarkt von Sainsbury?s aufgestellt wurden, kann man vielleicht noch mit dem erfrischenden englische Pragmatismus erklären. Doch der Einsatz in der Bar wirft Fragen auf. Der Tastendruck beim Milch holen - vielleicht. Aber nach dem dritten Bier?

Sehr flott haben die Briten auch die Wahlgesetze - in Deutschland ein Hauptproblem - auf regionaler Ebene geändert, sie setzen beim E-Voting zudem auf einen recht simplen Sicherheitsstandard. All das muss genau geprüft werden. Zur Beobachtung wurde darum eine Kommission gebildet, die ihre Studie bald vorlegen wird.

Fest steht aber schon jetzt: E-Voting kann eine Erleichterung bei der Abstimmung sein, etwa für Behinderte, Schichtarbeiter oder ältere Menschen. Und die Wahl per Mausklick soll traditionelle Wahllokale ja nicht abschaffen. Wer dem Kreuz per Online nicht traut, kann auch in Zukunft per Brief abstimmen - oder gemütlich zum Wahllokal spazieren.

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