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Die Chancen ergreifen

Auf der Cebit geht das Rezessionsgespenst um. Einige Branchen müssen sich nicht fürchten.

Winston Churchill formte mit ausgestrecktem Zeige- und Mittelfinger das "V" - es stand für den Sieg der Alliierten über die Nazis im Zweiten Weltkrieg. Fast 60 Jahre später befinden die Analysten von UBS Warburg genau das Gegenteil: "V is Not for Victory" - der Buchstabe "V" würde dieses Mal nicht den Sieg symbolisieren, sondern einen Einbruch der US-Konjunktur, der grafisch betrachtet in der V-Formation allerdings relativ kurz und schmerzlos wäre.

Aber, glaubt man den Londoner UBS-Experten, dann wird es mit einem nur temporären Einknicken der Wachstumskurve wohl nichts werden. Die Aussichten auf eine Erholung des gesamten Technologiesektors werden vielmehr von immer mehr Analysten auf das vierte Quartal 2001 verschoben, manche sehen echte Lichtblicke sogar erst Anfang kommenden Jahres.

An Begründungen für die gedrückte Stimmung in der Branche herrscht derzeit kein Mangel. "Viele Konzerne haben im Moment Probleme, Verträge abzuschließen", schildert DWS-Fondsmanager Walter Holick seine Erfahrungen. In der Boomphase entschieden noch die Abteilungsleiter über neue Investitionen. Jetzt landeten die Vorlagen beim Vorstand; die Zentralisierung bringe zwangsläufig Verzögerungsprozesse mit sich. Außerdem werden viele Ausgaben gleich ganz verschoben, um die Quartalszahlen besser aussehen zu lassen. Das wiederum verlangsamt den Lagerabbau bei den Technologiefirmen - was etwa von Nortel und Cisco schon bestätigt wurde, wie UBS Warburg anmerkt.

Auch wenn die Cebit mit ihren technischen Wunderwerken - von der kabellosen Bluetooth-Übertragungstechnik über den Mobilfunkstandard GPRS bis hin zum Internet aus der Steckdose - den Blick auf die Realität so schön verstellen kann, empfiehlt sich für den Anleger weiter die Strategie des "safety first", wie UBS Warburg meint. Das heißt, Softwaretitel und Aktien aus der Informationstechnik sollten gegenüber Hardware-Papieren vorgezogen werden. Zwar sind die Bewertungen etwa der Netzwerkausrüster Alcatel und Marconi wieder in die Nähe eines fairen Preises gerutscht, aber auf der Kundenseite erschweren das Ausgabeverhalten und mögliche Allianzen der Telekommunikationsgesellschaften Prognosen. Und auch bei den Handyherstellern sind einige Analysten vorsichtig, möglicherweise seien hier noch weitere Korrekturen nach unten möglich.

Vor allem Software-Hersteller blieben dagegen auch im Abschwung gefragt, "weil die Unternehmen kontinuierlich ihre Produktivität erhöhen müssen und Wettbewerbsvorteile über eine Straffung der Geschäftsprozesse suchen", erklärt André Jäkel, Technologieanalyst bei der BHF-Bank. Er und einige Kollegen in den Research-Abteilungen der Banken halten auch die Bereiche Datenspeicherung und-archivierung (Storage) sowie Sicherheitssoftware für relativ rezessionsresistent. Genannt werden EMC, Veritas und Check Point Software. Gerade Fonds griffen auch bei den Schwergewichten SAP und Oracle wieder zu.

Weil die Trends in der Technologiearena schnell drehen können, sollte der Anleger über ein paar Kriterien verfügen, um zu einer eigenen Meinung zu gelangen. Die folgende Checkliste basiert auf Angaben von DIT-Fondsmanager Ioannis Papassavvas:

Bewertung nach PEG-Ratio (Price Earnings to Growth), also das Verhältnis von Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) zu durchschnittlicher Gewinnsteigerung. Als Faustformel gilt: Werte um eins gelten als fair, kleiner eins als günstig und größer eins als teuer. In der Übertreibungsphase lag das PEG- Ratio bei 2,5, aktuell seien es 1,4 bis 1,5.

Unternehmen müssen gemessen am Marktanteil führend oder mindestens Zweiter einer Branche sein. Denn im Konjunkturtal wird es für die weiteren Wettbewerber eng. Bei Halbleiterproduzenten entscheidet dagegen die Kostenführerschaft, also ein möglichst niedriger Aufwand je Chip.

Technologieführerschaft ist gut, besser sind aber nachhaltige Gewinnsteigerungen.

Und ein Kollege hält noch Ergänzungen parat. "Falls die Gewinnwarnung aussteht, warte ich, bis sie durch ist. Wenn dann alle Analysten negativ geurteilt haben, steige ich ein."

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