Die Choreographie des Wahlparteitags
"We are family"

John Stark kann es kaum erwarten. Hoch oben im siebten Rang in der Sektion 320 unter dem Dach des Fleet Centers in Boston sitzt der 19-Jährige unruhig neben seiner Mutter. "Wann kommt denn endlich Jimmy?" fragt er ungeduldig. Gemeint ist nicht etwa eine Basketball-Größe aus seinem Heimatstaat Texas, gemeint ist der fast 80-jährige Ex-Präsident Jimmy Carter.

HB BOSTON. Zusammen mit Al Gore, Hillary und Bill Clinton gehört Carter zu den Alt-Stars der Demokratischen Partei - und zu den Idolen von John Stark. Präsidentschaftskandidat John Kerry gehört irgendwie auch dazu: "Persönlich springt zwar kein Funke über, aber ich teile seine Ansichten", sagt Stark.

Der junge Mann mit den kurzen dunklen Haaren und den freundlichen wachen Augen ist in letzter Minute noch als Ersatz-Delegierter nominiert worden. Jetzt sitzt er im blauen T-Shirt, Jeans und Nike-Turnschuhen mehr als zehn Meter über seinen texanischen Kollegen, die zusammen mit fast 5 000 Parteifreunden auf dem Parkett der Arena tanzen, singen und Kerry/Edwards-Plakate schwenken. "Go Johnny Go" dröhnt es aus den Lautsprechern, passend zu den Vornamen des Kandidatenduos. Das ist Politik, made in Hollywood, inszeniert vom Produzenten Don Mischer.

Szenenwechsel, Politik, handmade: "Wir sollten lieber über die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib sprechen, als eine Party zu feiern", ruft die Schauspielerin Mimi Kennedy den etwa 350 Friedensaktivisten zu, die sich im kirchlichen Paulist Center in der Innenstadt Bostons zu einer der wenigen öffentlichen Diskussionsveranstaltungen am Rande des Parteitags versammelt haben. Viele der überwiegend jungen Zuhörer tragen T-Shirts mit der Aufschrift "Kucinich for President". Der Kongressabgeordnete hat als Einziger der demokratischen Präsidentschaftskandidaten den sofortigen Abzug der US-Truppen aus dem Irak gefordert. Hier ist Kucinich der "Kriegsheld", nicht Kerry.

Drüben im Fleet Center spricht über den Mann aus Ohio und dessen Ansichten niemand mehr - auch wenn 90 % der Delegierten gegen den Irak-Krieg waren. Jetzt beißen sie sich jedoch auf die Lippen und jubeln für John Kerry - der als Senator noch für den Krieg gestimmt hatte. Diskussionsbedarf? Nicht jetzt. Viele Delegierte haben lange Kerrys parteiinternen Konkurrenten Howard Dean unterstützt und begrüßen begeistert den impulsiven Ex-Gouverneur aus Vermont. Deans politische Agenda ist von Kerry fast ebenso weit entfernt wie von Bush. Diskussionsbedarf? Jetzt nicht mehr. "Wir haben in den Parteiausschüssen diskutiert. Jetzt wollen wir George Bush schlagen", erklärt der Delegierte Stark die fast unheimliche Geschlossenheit der früher so streitlustigen Demokraten.

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