Die Co-Chefin der Hotelgruppe Riu im Porträt: Carmen Riu Güell: Die gezähmte Rebellin

Die Co-Chefin der Hotelgruppe Riu im Porträt
Carmen Riu Güell: Die gezähmte Rebellin

Sie arbeitet dort, wo andere Menschen Urlaub machen. Hebt Carmen Riu Güell den Blick von ihrem Schreibtisch, hat sie stets das Meer vor Augen, im Winter manchmal ungestüm, jetzt ruhig - blau ist es immer. "Ein wunderbares Büro mit einer wunderbaren Aussicht", schwärmt die Spanierin noch immer. Nur auf die angrenzende Terrasse gelangt sie nicht direkt; den Zugang hat nur Bruder Luis im Raum nebenan.

PALMA DE MALLORCA. Gemeinsam leiten die Geschwister Spaniens zweitgrößte Hotelkette Riu mit Sitz an der berühmten Playa de Palma auf Mallorca, wo die Firmengeschichte vor 50 Jahren begann. Heute führen sie ein Unternehmen mit 99 Hotels weltweit und mit 1,6 Millionen Gästen jährlich. Die Hälfte davon kommt aus Deutschland. Das Geschäft läuft gut - trotz Krise -, weil Hotels in Mexiko und den USA sinkende Besucherzahlen in der Mittelmeerregion ausgleichen.

Doch das Büro mit der grandiosen Aussicht war für die Hotelmanagerin nicht immer so "wunderbar". Es gab Zeiten, da war allein die Vorstellung für sie ein Gräuel, in dem Unternehmen ihrer Familie zu arbeiten. "In meiner Kindheit wurde von nichts anderem gesprochen als von der Hotelbranche. Ich wollte aber etwas Neues erleben", blickt Carmen Riu auf ihre rebellische Zeit im Alter von 16 bis 21 Jahren zurück. Schließlich musste sie sich dem Willen des Vaters beugen, der großen Druck ausübte. "Ich dachte, ich ertrage das nicht mehr. Ich nahm mir aber vor, irgendwann wieder zu gehen."

Bei diesem Vorsatz blieb es aber dann. Die damals 21-Jährige begann nach ihrem Wirtschaftsstudium im Unternehmen ihres Vaters als Direktorin eines Hotels an der Playa de Palma. Dann stieg sie über die Personal- und die Finanzdirektion weiter auf. Vor fünf Jahren, nach dem Tod ihres Vaters, übernahmen sie und ihr Bruder den Vorstandsvorsitz.

Carmen Riu gilt als bodenständig und als gute Analytikerin. Und sie verfügt über ein großes Organisationstalent nicht nur in ihrem Job: Nebenher hat die verheiratete Managerin drei Kinder großgezogen. Die älteste Tochter der 47-Jährigen ist bereits Mitte 20. "Ich frage mich manchmal selbst, wie ich das gemacht habe", erzählt sie locker. In großen Runden und auf Veranstaltungen wirkt die Frau eher schüchtern und zurückhaltend, die ebenso sportlich wie spanisch untypisch daherkommt mit flachen Schuhen und schlichter Kleidung.

Sie habe eben viel gearbeitet, sowohl in der Firma als auch zu Hause, plaudert Carmen Riu in ihrem Büro mit Meerblick weiter. Wenn sie abends gegen 19 Uhr die Zentrale verließ, warteten die Kinder mit ihren Schularbeiten. "Das Geheimnis ist, nie schlapp zu machen und in den entscheidenden Momenten für die Kinder da zu sein", ist sie überzeugt. Noch heute isst sie am frühen Nachmittag, sooft es geht, mit ihrer Familie zu Hause. Mit ihrem Mann, der auch im Unternehmen arbeitet, aber nicht im Vorstand, hat sie einen Pakt geschlossen: am Abend kein Wort übers Geschäft.

Manchem deutschen Urlauber dürfte Carmen Riu bekannt sein. Sie pflegt in ihrem Büro das Prinzip der offenen Tür, so dass Hotelgäste einfach bei ihr hereinschauen, "sogar mit dem ein oder anderen Kinderbild von mir". Das Geschäft mit deutschen Touristen hat ihr Vater aufgebaut, der 1953 das Hotel "San Francisco" an der Playa de Palma kaufte. Auf seiner Hochzeitsreise nach Wuppertal schloss er mit dem Reisebüro Dr. Tigges die ersten Pauschalreiseverträge für Mallorca ab, später auch mit Tui.

Heute steuern zwar die Geschwister Carmen und Luis das Unternehmen. Doch das Vermächtnis von Don Luis halten sie in Ehren: "Mein Vater war ein großer Wertevermittler", berichtet seine Tochter. Qualität, Bescheidenheit, Ernsthaftigkeit. "Damit führen wir das Unternehmen weiter." Auch Mutter Pilar ist noch aktiv: Sie überzeugt sich persönlich von der Qualität eines neuen Hotels, bevor der erste Gast eintrifft. Selbst hält Carmen Riu nicht viel davon, in den eigenen Unterkünften Ferien zu machen. Ein Urlauber, der nach einem Kellner winkt und nicht gesehen wird, ein achtlos weggeworfenes Stück Papier: "Das würde mich verrückt machen." Lieber segelt sie mit ihrer Familie im Sommer in den Gewässern der Balearen.

Einstige Gedanken, der Firma den Rücken zu kehren, sind verschwunden. Doch ob ihre Kinder oder die ihres Bruders dort arbeiten werden, lässt sie offen: "Druck gibt es jedenfalls nicht."

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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