Die Daten des HGP sind erst der Anfang
Bei aller Euphorie: Die Grenzen der Genetik

dpa HAMBURG. Eine grobe Skizze des menschlichen Erbguts, wie sie das internationale Human-Genom-Projekt nun vorgelegt hat, sagt kaum mehr aus als ein durchlöcherter Stadtplan über den betreffenden Ort. Die wichtigste Arbeit beginnt erst jetzt: Die Funktion der Gene und ihr komplexes Zusammenspiel wird die Wissenschaftler noch Jahrzehnte beschäftigen. Zwar ist schon jetzt eine Reihe von Krankheiten vorhersagbar, die nur auf einem Gen beruhen. Kaum ein Forscher glaubt jedoch, dass der Mensch einmal komplett durchleuchtet und frei manipulierbar sein wird.

"Alle höheren komplexen Funktionen lassen sich nicht einfach im Erbgut entdecken", sagt der Biochemiker Friedrich Cramer, Autor und emeritierter Professor vom Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen. Auch viele Krankheiten seien nur im gewissen Umfang vorauszusagen - etwa die Anlage für Krebs, jedoch nicht, ob und wann er auftritt. Man könne höchstens die Betroffenen ermahnen, ihre Lebensweise umzustellen.

Derzeit sind rund 4 000 Krankheiten bekannt, die von einem einzelnen Gen verursacht werden. Hier erscheint ein genetischer Eingriff theoretisch relativ einfach. Doch trotz zehn Jahre klinischer Forschung ist die Medizin kaum vorangekommen. Oft lässt sich das neue Gen nicht in die Zelle einsetzen oder dauerhaft in Funktion bringen.

Angst vor der Züchtung eines genetisch "perfekten" Menschen hat Cramer nicht. Viele Eigenschaften ließen sich nicht durch gentechnische Veränderung erzwingen. "Allein die Schönheit einer Frau hängt von so vielen Faktoren ab. Wichtig ist auch das Individuelle. Denken Sie an Barbra Streisand."

Auch die Intelligenz lasse sich kaum durch Gentechnik beeinflussen. "Die Intelligenz ist als solche nicht vererbbar, sondern nur das Gehirn", sagt Cramer. Was mit den jeweils gegebenen Denkstrukturen gemacht werde, hänge vor allem von der Förderung in der Kindheit ab. Die beste Motivation sei spielerisches Lernen mit Spaß dabei. "Das gilt bis ins höchste Alter."

Robert Plomin (Institut für Psychiatrie, London) und John deFries Universität von Colorado, Boulder) gehen von mindestens 20 Genorten aus, die mit dem Intelligenzquotienten zusammenhängen. Zudem seien 100 einzelne Gen-Mutationen bekannt, die jede für sich die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen, schreiben sie im Heidelberger Magazin "Spektrum der Wissenschaft" (12/1999, S.28). Die Gehirnfunktion resultiere "so gut wie sicher aus dem subtilen Zusammenspiel zahlreicher Erbfaktoren." So sei sie nicht sicher vorauszusagen, sondern liege in einem Wahrscheinlichkeitsbereich.

Eine erfolgreiche Gentherapie selbst von komplexen Krankheiten will Cramer nicht ganz auszuschließen. "Aber ich warne vor falschem Optimismus. Auch mit Gentherapie wird man etwa den Krebs nicht endgültig besiegen." So werde auch eine Lebensverlängerung durch genetische Eingriffe immer Grenzen haben: "Es gibt eine Reihe von Erscheinungen, die das Alter unabwendbar machen. Alles Lebendige muss sterben." Ansonsten könne sich das Leben nicht auf dieser Höhe halten, auf die es sich im Laufe der Evolution entwickelt hat.

"Ich sehe in unserer Zivilisation keine großen Gefahren der Menschenzüchtung", sagte Cramer. Einzelne Eingriffe am Erbgut werde es jedoch geben. "Es ist sehr schwer, eine Grenze festzusetzen. Wahrscheinlich erkennt man die Grenze zu spät."

Auch wenn die genaue Bausteinreihenfolge des Erbguts bald offen liegt, kann es nach Aussagen des Wissenschaftlers Stefan Wiemann noch Jahrzehnte dauern, bis die Funktion jedes einzelnen Gens bekannt ist. "Dass alle Gene jemals entschlüsselt werden, glaube ich ohnehin nicht", sagt der Forscher am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Er ist einer der Projektleiter des Deutschen Human-Genom- Projektes. Selbst bei den Hefepilzen, deren Erbgutsequenz bereits seit 1996 bekannt ist, wisse man von großen Stücke des Erbgutsfaden nicht, ob er Gene enthalte.

Die Funktion mancher Gene werde man nie exakt kennen, "weil sie nur zu ganz bestimmten Zeiten in der Entwicklung des Menschen aktiv sind." Die große Aufgabe sei es nun, im Vergleich mit Tieren die Funktion der einzelnen Gene zu erkennen. "Bei der Maus ist es möglich, entsprechende Gene am Embryo zu untersuchen."

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