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Die Delle ist weg

Deutschland galt personalpolitisch lange Zeit als Land zweiter Klasse in Brüssel. Trotz seiner Einwohnerzahl und wirtschaftlichen Stärke war das größte Mitgliedsland der Gemeinschaft in der EU-Kommission unterrepräsentiert.

Deutschland galt personalpolitisch lange Zeit als Land zweiter Klasse in Brüssel. Trotz seiner Einwohnerzahl und wirtschaftlichen Stärke war das größte Mitgliedsland der Gemeinschaft in der EU-Kommission unterrepräsentiert. Vor allem in den 80er und frühen 90er Jahren bestand in der deutschen Beamtenschaft nur eine geringe Neigung, sich "nach Europa" versetzen zu lassen. EU-Stationen im Lebenslauf galten eher als hinderlich für die Berufslaufbahn. Nach dem klassischen deutschen Beförderungsmuster hatten diejenigen Beamten die größten Chancen, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern, die sich geographisch nicht zu weit von der politischen Spitze der Häuser entfernten. Wer sich nach Brüssel in die Kommission oder nach New York zur Uno abordnen ließ, der war weit weg von den heimischen Netzwerken. Entsprechend gering war die Quote deutscher Absolventen für die EU-Laufbahn. Das führte dazu, dass in Brüssel die " deutsche Delle" zum geflügelten Wort für schwache teutonische Performance wurde.

Doch die Zeiten lausiger deutscher Personalpolitik in der EU sind inzwischen vorbei. Nach dem jüngsten Stand der deutschen EU-Vertretung in Brüssel liegt die Einstellungsquote der EU-Kommission für deutsche Bewerber inzwischen bei 22 % bis 25 %. Damit ist Deutschland heute das Land mit dem erfolgreichsten Rekrutierungssystem für EU-Beamte. Mit 13 Beamten der höchsten Besoldungsstufe stellt Deutschland zudem fast doppelt so viele Generaldirektoren und vergleichbare Top-Entscheider in der Kommission wie Frankreich oder Großbritannien.

Der Grund: Kanzleramt, Auswärtiges Amt und die Brüsseler Vertretung haben die Defizite Ende der 90er Jahre erkannt und seitdem eine zielgerichtete Politik zur Förderung talentierter Nachwuchskräfte für die EU-Institutionen betrieben. So wurden Netzwerke für deutsche EU-Beamte aufgebaut. Das Außenministerium organisiert Vorbereitungskurse für die schwere Aufnahmeprüfung der EU-Kommission. Die 2000 Kommissionsbeamte mit deutschem Pass bekommen von den Diplomaten aus Berlin ein regelrechtes Wohlfühl-Programm mit regelmäßigen Hintergrund-Treffen, darunter Abendessen beim Botschafter und Vorträge leibhaftiger Bundesminister. Und in den europapolitischen Zirkeln des Kanzleramtes werden strategische Personalentscheidungen der Kommission seit geraumer Zeit ausführlich besprochen.

Seit kurzem hat sogar der Europäische Gerichtshof der Bundesregierung eine glückliche Hand bei ihrer Brüsseler Personalpolitik bescheinigt. Ein Franzose klagte in Luxemburg gegen die Kommission, weil bei Neubesetzungen französische Bewerber gegenüber deutschen Konkurrenten systematisch benachteiligt worden seien. Dies sei zurückzuführen auf "Manipulationen" zu Gunsten der Deutschen. Das Gericht wies die Klage ab. In der Begründung heißt es, die Deutschen seien deswegen öfter zum Zuge gekommen, "weil sie offenbar besser vorbereitet waren als andere Mitbewerber".


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