Die deutsche Wirtschaft verzichtet auf ihre Alten
Zurück ins Büro!

Reiniger für dritte Zähne statt Babynahrung, braun gebrannte Alte statt gehetzter Mütter - Winter an der spanischen Mittelmeerküste. Agile Mitt- und Spätfünfziger strampeln auf kilometerlangen Fahrradtouren oder sagen Spanisch-Vokabeln im Sprachkurs auf. Ent- und versorgt von einer komfortablen Vorruhestandsregelung.

DÜSSELDORF. Die deutsche Wirtschaft verzichtet auf ihre Alten: Bei einem Durchschnittsalter von 40,1 Jahren (global: 26,5 Jahre) ist der Mitarbeiter in deutschen Betrieben im Schnitt nur 37,5 Jahre alt. Eine aktuelle Studie der Wirtschaftsprüfung Andersen besagt, dass die Unternehmen sich weiter verjüngen. Eine nicht ungefährliche Personalpolitik. Denn unsere Gesellschaft, schon heute die viertälteste der Welt, vergreist zunehmend. Wer die Alten zu früh aus der Arbeit entlässt, riskiert, dass ihm bald die Mitarbeiter fehlen - und zwar nicht nur die High Potentials. Auch an Fachkräften wird es mangeln: Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn schätzt, dass sich die Zahl der Auszubildenden innerhalb der nächsten zehn Jahre halbiert.

Die Prognosen sind dramatisch: Bis zum Jahr 2010 sinkt der Anteil der unter 20-Jährigen um zwei Millionen, gleichzeitig nimmt die Zahl der über 65-Jährigen um fast drei Millionen auf knapp ein Fünftel der gesamten Bevölkerung zu. Während heute auf einen Rentner etwa zwei Erwerbstätige kommen, wird das Verhältnis in rund 30 Jahren 1:1 betragen.

"Fach- und Führungskräfte werden knapp", mahnt Karin von Lüpke von der Bundesanstalt für Arbeit. "Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen dürften im Wettbewerb um den qualifizierten Nachwuchs den Kürzeren ziehen."

Zuwanderung wird das Problem nach Meinung der Experten mangels Masse nicht lösen. "Wir schaffen es nicht, genügend ausländische Kräfte anzuziehen und sie hier zu halten", sagt Magnus Graf Lambsdorff von der Personalberatung Egon Zehnder.

Die Konsequenz wäre ein Paradigmenwechsel von der Frühverrentung zur Verlängerung des Erwerbslebens, wie ihn auch der Schlussbericht der Enquête-Kommission Demographischer Wandel fordert. Welche Folgen das hätte, hat Andersen gemeinsam mit einer unabhängigen Expertenrunde im folgenden Zukunftsszenario "Unternehmen 2010" skizziert:

Alte arbeiten länger. Unternehmen versuchen, ihre älteren Mitarbeiter zu motivieren, mindestens bis zum gesetzlichen Rentenalter von 65 oder eventuell 67 zu bleiben. Es gibt mehr Teilzeitarbeitsplätze. Statt nach Senioritätsprinzip wird nach Leistung entlohnt. Am erfolgreichsten sind die Unternehmen, die die Dynamik der Jüngeren mit dem Erfahrungsschatz der Älteren verbinden.

Kampf um Nachwuchs wird härter

Der Kampf um talentierten Nachwuchs wird noch härter. Personaler suchen nicht mehr nur national, sondern global nach Kandidaten. Und sie setzen immer früher an: Der erste Kontakt entsteht bereits in der Schule.

Mitarbeiterbindung wird so wichtig wie Recruiting. Es kostet weniger, einen Kunden zu halten, als einen neuen zu gewinnen - diese Standardweisheit gilt künftig auch für Mitarbeiter. Unternehmen entwickeln ihre Angestellten permanent weiter und schaffen Strukturen, in denen sich "Unternehmer im Unternehmen" entfalten können. Die Konfliktfähigkeit sinkt; wem es nicht gefällt, der geht eben. Deshalb ersetzen Unternehmen den patriarchalischen Vorgesetzten durch den Coach, der weiß, dass jeder Einzelne auf seiner Position besser ist, als er selbst es wäre.

Unternehmen erledigen öffentliche Aufgaben. Weil immer weniger Arbeitnehmer immer mehr Rentner versorgen müssen, kollabieren die Sozialversicherungssysteme. Drastische Einschnitte sind nötig. Wer mehr als eine Grundversorgung will, die weit unter heutigem Niveau liegt, muss privat vorsorgen. Die Betriebe unterstützne ihre Mitarbeiter darin und übernehmen stärker soziale Verantwortung. Kranken- und Altersversorgung werden wesentliche Gehaltsbestandteile. Unternehmen fördern die Gesundheit ihrer Mitarbeiter, damit sie möglichst lange im Arbeitsprozess bleiben.

Corporate Universities für die ganze Familie

Corporate Universities bilden die ganze Familie aus. Wissen hat eine immer kürzere Halbwertzeit. Die Ausbildung vor Beginn des Berufs wird kürzer, dafür folgen später immer wieder Lernphasen, konzentriert auf die gerade benötigten Fähigkeiten. Die Qualifizierung bleibt nicht mehr den öffentlichen Einrichtungen überlassen: Unternehmen bilden selbst aus und weiter. Corporate Universities öffnen ihre Tore nicht nur für Mitarbeiter, sondern auch für deren Partner und Kinder.

Dass die Kassandra-Rufe bald gehört werden, ist unwahrscheinlich. Zwar sagen 21 Prozent der Deutschen in einer Allensbach-Umfrage vom Mai 2002, ältere Mitarbeiter seien wertvoller für ein Unternehmen als jüngere. Doch gleichzeitig bezweifeln 59 Prozent, dass Unternehmen in Zukunft mehr Wert darauf legen, ältere Mitarbeiter zu halten. "Nach meiner Erfahrung reagiert die Wirtschaft erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist", meint Klaus Zimmermann, Präsident des Institut für Wirtschaftsforschung DIW. Viele Vorstände - selbst in der Regel nur befristet im Amt - pflegen eine kurzfristige, am Kostendruck orientierte Personalpolitik, statt die nötigen Konsequenzen aus der Vergreisung zu ziehen. Und verhalten sich damit nicht anders als die Politiker, denen sie gern einen zu kurzen Atem vorwerfen.

Doch wer glaubt, das Modell vom Großen Bellheim gäbe es nur im Film, der sollte in die USA blicken: Ford hat soeben seinen früheren Chairman Allan Gilmour zurückgeholt, der 1995 in Ruhestand gegangen war. Der frisch gebackene Vice Chairman und Finanzvorstand ist 67 Jahre alt.

Die Studie "Unternehmen 2010" gibt es für 390 Euro bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Andersen. Kontakt: rudolf.boehlke@de.andersen.com .

Quelle: Handelsblatt

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