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Die deutschen Fußballer verzaubern Iran

Dürfen die iranischen Frauen ins Stadion oder dürfen sie nicht? Eine endgültige Antwort wird es wohl erst am Spieltag geben, wenn die Tore des riesigen Azadi-Stadions aufgehen.

dpa TEHERAN. Dürfen die iranischen Frauen ins Stadion oder dürfen sie nicht? Eine endgültige Antwort wird es wohl erst am Spieltag geben, wenn die Tore des riesigen Azadi-Stadions aufgehen.

Zwar hatte der Iranische Fußball-Verband angekündigt, dass beim Gastspiel der deutschen Nationalmannschaft erstmals einheimische Frauen Einlass bekommen. Doch die radikalen religiösen Führer im islamischen Land sagten beim letzten Freitagsgebet nein. Allerdings wurden bereits Karten an iranische Sportlerinnen verteilt, so dass wohl zumindest 25 Fußballerinnen das Länderspiel im Stadion sehen dürfen. Dazu kommen weibliche Angestellte von Botschaften. Insgesamt sollen 150 bis 200 Frauen unterhalb der VIP-Tribüne in einem eigens für sie reservierten Block Platz nehmen.

Auch um die Anzahl der Tickets für den ersten Auftritt einer großen Fußball-Nation in Iran herrschte Verwirrung. Zunächst hatte der Verband das Kontingent für das 100 000 Zuschauer fassende Stadion auf 90 000 Karten beschränkt. Nach den tumultartigen Zuständen beim überschwänglichen Empfang für Michael Ballack und Co. am Teheraner Flughafen wurden die Sicherheitsbedenken aber noch größer: Jetzt sollten nur 65 000 Karten offiziell verkauft werden. Nach den Erfahrungen der Vergangenheit allerdings finden Tausende auch inoffizielle Wege ins Stadion, das dann trotz der Limitierung doch überfüllt sein dürfte.

"So eine Begeisterung und so einen Auflauf habe ich noch nie erlebt", meinte der dienstälteste mitreisende Nationalspieler Christian Wörns, immerhin schon seit 1992 im DFB-Trikot. Wo auch immer das Team von Jürgen Klinsmann in der elf Millionen Einwohner zählende Hauptstadt auftauchte, weibliche und männliche Fans mit Deutschland-Trikots und schwarz-rot-goldenen Fahnen waren dabei. adidas-Mann Manfred Drexler musste einen besonders wachen Blick auf die Ausrüstungskisten haben, "die Iraner wollten sogar unsere Fußball-Schuhe küssen", berichtete Team-Manager Oliver Bierhoff. "Es ist aber alles total herzlich, auch wenn es mal drunter und drüber geht. Im Stadion wird die Stimmung sicher noch euphorischer sein."

Das ganze Land fieberte dem großen Tag entgegen. Erstmals übernimmt das staatliche Fernsehen, das fünf Programme ausstrahlt, die vom ZDF produzierten Live-Bilder. Zwar gibt es in Iran keine Erhebungen über TV-Quoten, doch rechnen einheimische Journalisten damit, dass drei Viertel der rund 70 Millionen Einwohner vor den Fernseh-Geräten sitzen werden. Aus der noch immer unter den Folgen des schrecklichen Erdbebens leidenden Stadt Bam - der DFB übergibt als Aufbauhilfe eine Million Euro - reisen sogar hunderte Einwohner in die mehr als zwei Stunden entfernte Provinzhauptstadt Kerman, um die Partie zu sehen. Im vor zehn Monaten fast total zerstörten Bam gibt es in den vielen Notunterkünften kaum Fernseher.

Verwunderung im DFB-Team hatte es beim ersten Training auf iranischem Boden gegeben, als auf den Tribünen plötzlich Frauen und Mädchen ohne das obligatorische Kopftuch auftauchten. Der Hintergrund: Das deutsche Team übte auf dem Gelände des armenischen Clubs Ararat. Und in Einrichtungen der orthodoxen Armenen sind die islamischen Regeln außer Kraft gesetzt. So umarmte eine hübsche Frau ohne jede Verhüllung sogar Neu-Nationalspieler Per Mertesacker und meinte danach schüchtern: "Das war mein Traum."

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