Die Deutschen spekulieren gerne – das zeigt sich auch in diesen Tagen
Riskantes Spiel

Anleger wetten mit Optionsscheinen auf einen schnellen Kursanstieg von Dax und Nasdaq. Ob kurzfristig ein Aufschwung bevorsteht, ist aber noch unklar, warnen Experten. Sie empfehlen mittlere Laufzeiten.

qdt DÜSSELDORF. Die Deutschen spekulieren gerne - das zeigt sich auch in diesen Tagen. "Wetten auf einzelne Technologiewerte aus den USA sind wieder gefragt", berichtet Jörg Leichinger von der Euwax Broker AG über das Geschäft an der Stuttgarter Optionsscheinbörse.

Allerdings zählen Investoren, die bei Yahoo oder Commerce One auf Gewinne setzen, zu einer Minderheit. Den Statistiken der Stuttgarter zufolge haben Anleger größeres Interesse daran, mit Index-Kaufoptionsscheinen (Calls) auf eine Erholung des Gesamtmarktes zu spekulieren; Papiere auf den Nasdaq-100-Index sind gefragt. Dagegen sind vielen Scheine auf die Kursbarometer des Neuen Marktes noch zu heiß. Allerdings steht auch die Börse in Übersee bei den Anlegern erst an zweiter Stelle: Renner sind aktuell die Dax-Scheine. Bei Wetten auf den Index der 30 größten deutschen Standardaktien kann nichts schief gehen, hoffen die Investoren - und unterschätzen die vielen Risiken, die die aktuelle Börsensituation birgt.

Sie kaufen Scheine mit hoher Hebelwirkung, sagt Dirk Heß, Optionsscheinexperte bei der Citibank, dem größten Optionsschein-Emittenten in Deutschland. Damit meint er Calls, die zum einen aus dem Geld liegen - deren Basispreis also über dem aktuellen Indexstand notiert- und die zum anderen eine kurze Restlaufzeit von zum Beispiel einem Monat haben. Bei solchen Papieren muss der Index erst noch über den Basispreis steigen, damit sich das Geschäft für den Anleger lohnt. Erfüllt sich diese Erwartung, können die Investoren allerdings von einer hohen Hebelwirkung profitieren, erklärt Heß: "Dann sind Gewinne des Optionsscheins von 300 % durchaus möglich." Im umgekehrten Fall rutschen die Papiere schnell tief in die roten Zahlen. Heß rät Anlegern daher, etwas vorsichtiger zu sein und Calls zu kaufen, die am Geld liegen; bei ihnen notiert der Basispreis nahe am aktuellen Kurs.

Kurz laufende Dax-Scheine ein Risiko

Zurzeit geht man allerdings mit allen kurz laufenden Dax-Scheinen hohe Risiken ein - auch wenn sie am Geld oder gar im Geld liegen. Denn die Analysten sind sich keineswegs im Klaren darüber, ob der Dax und der Nasdaq-100-Index in Kürze anziehen werden. So liefert die technische Analyse Warnsignale. Dagegen sind die fundamentalen Analysten, die sich an Bilanz- und Ertragszahlen sowie volkswirtschaftlichen Daten orientieren, in beiden Fällen optimistischer.

Steffen Wauer, Anlagestratege für Privatkunden bei der Deutschen Bank, will sich zwar nicht auf ein Kursziel für den Nasdaq-100-Index festlegen. Seiner Ansicht nach könnten die Technologiewerte aus folgendem Grund demnächst Auftrieb erhalten: Die Börsianer rechnen bei den Unternehmen im zweiten Quartal 2001 nur mit niedrigen Gewinnen. "Mit Sicherheit werden diese Erwartungen im Durchschnitt geschlagen", sagt Wauer. Allerdings müsse das nicht heißen, dass die Aktien kräftig steigen werden. Wenn zahlreiche Marktteilnehmer bereits einkalkuliert hätten, dass die Ergebnisse die Prognosen übertreffen, dürften die Kurszuwächse nur moderat ausfallen. "An der Börse kommt es ja immer auf die Erwartungen an", erklärt Wauer. Er bezweifelt, dass es schnell wieder bergauf geht. "Nach dem Einsturz der Technologietitel ist der Vertrauensschaden groß." Nach seiner Meinung wird es einige Zeit dauern, bis sich eine positive Marktstimmung durchsetzen und zu einem nachhaltigen Aufschwung führen kann. Dann hätte manch ein Kurzfrist-Spekulant das Nachsehen.

Analysten sind optimistisch

Bei den deutschen Aktien rechnen viele Analysten mittelfristig mit Gewinnen, wobei die Prognosen voneinander abweichen. So sieht Jochen Hitzfeld, Portfoliostratege bei der Hypo-Vereinsbank, den Dax in sechs Monaten bei 7 300 Zählern. Indessen erwartet Markus Dörr von der Deutschen Bank, dass der Dax dieses Niveau erst in zwölf Monaten erreichen wird. Auch Klaus Schlote, Aktienstratege bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, ist vorsichtig, rechnet zum Jahresende mit 6 700 Punkten. Khuram Chaudhry, Europa-Aktienstratege bei Merrill Lynch in London, sieht den Dax dann bei 6 600 Punkten. Und Rolf Elgeti, Londoner Anlagestratege der Commerzbank, rechnet lediglich mit 6 500 Dax-Punkten.

Der Markt dürfte aber in jedem Fall von den Zinssenkungen in den USA und geringfügig auch vom Zinsschritt in Europa profitieren, sind sich die Analysten einig. Außerdem ströme Liquidität an die Aktienmärkte - sobald die Konjunktur in den USA anziehe, würden diese Zuflüsse steigen. Die internationalen Fonds dürften ihre hohen Bargeld-Bestände in Aktien umschichten. Auch die höheren Ertragserwartungen für deutsche Unternehmen im Jahr 2002 sollten die Kurse stützen, meinen die Experten.

Allerdings trauen manche Banker einigen Dax-Schwergewichten wie Siemens oder SAP nur begrenzt Gewinne zu. Davon abgesehen: Alle wollen sich nur auf mittelfristige Prognosen festlegen lassen. Keiner wagt zu sagen, dass der Markt schon in den nächsten Wochen kräftig anzieht. Wer kurz laufende Call-Optionsscheine auf den Dax wählt, geht also hohe Risiken ein. Übrigens ist der meistgefragteste Schein an der Euwax aktuell ein Citibank-Dax-Papier mit einer Restlaufzeit von einem Monat. Die deutschen Anleger haben eben Mut.

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