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Die Diskussion um Schäuble schadet vor allem Merkel

Den früheren CDU-Partei - und Fraktionschef Wolfgang Schäuble haben die Umstände seines Rücktritts vor rund anderthalb Jahren schwer getroffen. Mit Bitterkeit verfolgte er das gegen ihn gerichtete Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage. In wenigen Tagen wird die Berliner Staatsanwaltschaft vermutlich die Einstellung des Verfahrens verkünden. Dann ist Schäuble formal rehabilitiert und ein wichtiges Hindernis für seine Rückkehr in Führungsämter beseitigt.

Es ist daher kein Zufall, dass CSU-Landesgruppenchef Michael Glos Schäuble in diesen Tagen als potenziellen Kanzlerkandidaten ins Spiel bringt. Es gibt sachliche Gründe, die für eine solche Wahl sprechen. Das Format für die Aufgabe spricht Schäuble niemand ab. Er ist intellektuell brillant und seinen Nachfolgern an politischer Erfahrung und inhaltlicher Kompetenz überlegen. Doch darf man getrost unterstellen, dass bei der Debatte noch andere Motive eine Rolle spielen.

So ist es bezeichnend, dass sich derzeit vor allem die CSU für Schäuble stark macht. Er entspricht viel eher dem Profil, dass sich die Christsozialen von einem Kanzlerkandidaten erhoffen, als Angela Merkel, die Nachfolgerin an der Parteispitze. Und eine Kanzlerkandidatur Schäubles böte dem zaudernden CSU-Chef Edmund Stoiber eine Möglichkeit, sich ehrenvoll zurückzuziehen.

Nach Einschätzung der CSU-Spitze müsste Stoiber antreten, wenn die Alternative Merkel hieße. Lehnte er die Spitzenkandidatur ab, wären nicht nur die Wahlchancen der Union minimiert. Stoiber stünde auch als Drückeberger da, was sich auch in Bayern negativ auswirken könnte. Einem Schäuble dagegen könnte er das Feld überlassen, weil dieser bei den Christsozialen - anders als Merkel - als gleichwertiger Partner angesehen wird.

Es ist allerdings schwer vorstellbar, wie Schäuble die Kanzlerkandidatur angetragen werden sollte, ohne dass Merkel beschädigt würde. Wenn ihr Vorgänger als Spitzenkandidat inthronisiert wird, kann sie ihr Amt gleich abgeben. Denn deutlicher könnte ihr Scheitern nicht dokumentiert werden. Dies ist denn auch der Schwachpunkt des ganzen Schäuble-Szenarios: Merkel müsste zum Verzicht gezwungen werden, mit unabsehbaren Folgen für das Image der CDU. Dass sie freiwillig ins Glied tritt, ist nicht zu erwarten.

Im Übrigen ist völlig unklar, wie die Wähler eine Rückkehr Schäubles aufnehmen würden. Es zeugt ja nicht gerade von geglückter Erneuerung, wenn der alte Parteichef der neue Spitzenkandidat wird. Das Versagen der neuen Generation in der Union würde auf diese Weise gewissermaßen amtlich bestätigt.

Eines darf als sicher gelten: Die öffentliche Diskussion um die CDU-Kanzlerkandidatur wird weitergehen. Natürlich könnte Wolfgang Schäuble sie zumindest in Bezug auf seine Person beenden. Nur will der Satz "Ich stehe als Kanzlerkandidat der Union nicht zur Verfügung" ihm nicht über die Lippen. Dass muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass er tatsächlich antreten will. Es zeigt aber, dass es der frühere Partei- und Fraktionschef genießt, wieder für höchste Ämter gehandelt zu werden.

Den Schaden hat Merkel. Aber auch Schäuble muss aufpassen, dass er nicht wieder so dasteht wie vor der Landtagswahl in Berlin. Nutzen wird die ganze Debatte in erster Linie dem politischen Gegner. Nichts beherrscht die Union derzeit so meisterhaft wie die Kunst der Selbstdemontage.

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