Die Dot-com-Verlierer
Pink Slip Partys - Wer hier feiert, wurde gefeuert

In New York gibt es derzeit gut besuchte Partys für all diejenigen, die ihre Jobs in der New Economy verloren haben. Headhunter suchen dort nach Kandidaten.

Ron Hogan, ein bärtiger Dreißigjähriger in beige-schwarz gemustertem Hemd und Jeans steht mit einer Flasche "Rolling Rock"-Bier an der Theke. Seine blonden Haare werden von den Deckenlampen abwechselnd in grünes, gelbes und rotes Licht getaucht. Zwei Jahre lang hat der ehemalige Filmstudent für den Internethändler Amazon.com gearbeitet. "Als der Aktienkurs immer weiter sank, haben sie 20 Prozent unserer Abteilung entlassen. Ich war einer davon", erzählt er.

Hogan ist an diesem Abend unter seinesgleichen. Wer mittwochs ab sieben in die Rebar im New Yorker Stadtviertel Chelsea kommt, gehört zu den Verlierern der Neuen Wirtschaft. Auf der Pink-Slip-Party treffen sich Menschen, die ihren Job in der Internetbranche verloren haben. Pink Slip steht in den USA für Entlassung. Wer hier feiert, wurde gefeuert.

Noch vor wenigen Jahren mit Traumgehältern und Aktienoptionen zu den hippen Neugründungen gelockt, stehen junge Leute aus dem New Yorker Internetviertel Silicon Alley nun auf der Straße. Dennoch: von schlechter Stimmung ist nichts zu spüren. Frauen und Männer zwischen 25 und 30 trinken, rauchen, tanzen. In der Rebar kosten die Cocktails drei Dollar - nicht einmal halb so viel wie im angesagteren Café Noir im nahen Viertel Soho, wo noch so mancher der Partygäste vor ein paar Wochen feierte. Bier gibt es sogar schon für zwei Dollar. Das können sich auch Arbeitslose leisten. Ob er sich schämt, seinen Job verloren zu haben? "Um Gottes willen, nein", lacht Ron Hogan und zieht demonstrativ an seiner Zigarre, "unsere Generation rechnet doch damit, mindestens ein- bis zweimal im Leben gefeuert zu werden".

Auch Scott Fedonchik glaubt nicht, dass sich auf der Pink-Slip-Party nur Verlierertypen tummeln. Der Dreißigjährige im hellgrauen Anzug mit zurückgekämmten braunen Haaren rauscht durch den Raum auf der Suche nach Mitarbeitern für "Maximum Golf". Das Online-Magazin richtet sich an die neue Generation der jungen und wohlhabenden Golfer - die Gewinner der Neuen Wirtschaft. "Ich habe heute Abend einige großartige Kandidaten getroffen", berichtet er. "In der Neuen Wirtschaft werden die Leute doch gefeuert, weil das Geld ausgeht oder weil die Internetseite nicht genügend Klicks brachte, nicht, weil sie schlecht arbeiten", sagt Marketingdirektor Fedonchik.

"In neun von zehn Fällen werden die Mitarbeiter gefeuert, weil jemand ganz oben die falschen Entscheidungen getroffen hat", ist Adrianne Matt, eine energische Frau in den Endzwanzigern, überzeugt. Sie leitet eine Art Leiharbeiter-Firma.

Garrett Boockler ist einer ihrer Kurzfrist-Arbeiter. Bereits auf der Party vor einer Woche hat der 27-Jährige im weißen Polo-Shirt einen neuen Job gefunden. Er wird für ein paar Monate an einem Projekt für die Musik- und Trendseite to-nos.com arbeiten. Vor seiner Entlassung war er bei einem kleinen Internetladen beschäftigt. "Ich langweile mich sehr schnell", erklärt er seine Abneigung gegenüber einer Festanstellung.

Keep the community going

Andere suchen dagegen einen festen Job. "Das Problem bei der freien Arbeit ist die Krankenversicherung", meint der ehemalige Amazon.com-Mitarbeiter Hogan. Ein Jahr noch ist er über seinen alten Arbeitgeber versichert, danach ist Schluss. Bis dahin will er einen neuen Job gefunden haben. In der Rebar ist er schon von zwei Headhunterinnen angesprochen worden. "Das sieht alles ganz viel versprechend aus", kommentiert er seinen ersten Abend auf einer Pink-Slip-Party. Hogan kann sich Zeit lassen. Immerhin hat er noch 2 400 Amazon-Aktien. Und die sind etwa 90 000 Dollar wert.

Organisiert werden die Pink-Slip-Partys von Allison Hemming, der quirligen Chefin der Unternehmensberatung "The Hired Guns". Hemming, die mit ihren glatten blonden Haaren auch als Studentin durchgehen könnte, bringt in ungezwungener Atmosphäre Angebot und Nachfrage zusammen. Aber sie betont, mit der Bierflasche in der Hand, dass mehr dahinter steht. "Die Leute, die heute hier sind, haben das Licht gesehen", sagt sie mit einem missionarischem Leuchten in den Augen und legt ihren Arm über die Schultern von Hogan, der ihr lächelnd zunickt, "sie wollen, dass die Gemeinschaft am Laufen bleibt ("keep the community going)". Außerdem könnten die Partygänger hier ihre Erfahrungen austauschen. "Die lassen sich nicht mehr so schnell von Billardtischen und Happy Hours blenden. Die schauen jetzt, ob eine Firma Substanz hat", ist Hemming überzeugt.

Bei aller Gelöstheit, um zehn Uhr ist der Spuk vorbei, die Bar ist leer, getrunken wurde wenig, wie der Barkeeper enttäuscht feststellt: "Im Grunde ist es doch eine Loser-Party."

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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