Die E-Commerce-Offensive der Giganten
Kolumne: ‘Big’, ‘Beautiful’ und ‘B2B’

Was haben Enron, General Electric, IBM und SAP gemeinsam? So könnte eine Testfrage in den Master of Business Administration (MBA)-Abschlussexamina dieser Tage lauten. Die Antwort ist einfach: Die vier Unternehmen sind "big" und "beautiful" (zu deutsch: "profitabel". Außerdem konzentrieren sie sich auf B2B E-Commerce. Die meisten der MBA-Kandidaten werden schnell die ersten beiden Eigenschaften treffen. Die dritte mag ihnen jedoch paradox erscheinen. Ist B2B E-Commerce nicht Schnee von gestern? Im Gegenteil, bei den großen Firmen geht das Thema jetzt erst richtig los.

B2B E-Commerce ist spannend, Energie (und Wasser) sind eher langweilig. Darin war man sich weit gehend einig hier im Silicon Valley vor etwas mehr als einem Jahr. Jetzt sehen es die meisten Kalifornier gerade umgekehrt. Während die Menschen bei E-Commerce-Nachrichten genervt das Radio abdrehen, lauschen sie gespannt dem letzten Energiebericht.

Mich fasziniert es immer wieder, wie selbstverständlich alle hier auf die bösartigen Energieunternehmen oder wahlweise auch die, natürlich "völlig unfähige", Regierung schimpfen. Dass andererseits die Vorliebe der Bevölkerung, umgebaute Lastwagen als "Sport-Nutz-Fahrzeuge" zu fahren oder Reis in der Wüste anzubauen, mit den Problemen etwas zu tun haben könnte, erscheint den Einwohnern dieses Bundesstaates ganz offensichtlich abwegig.

Erfolg mit E-Commerce

Es mag daher nicht erstaunen, wenn texanische Energiunternehmen wie Enron Rekordergebnisse vorlegen. Doch der Schein trügt. Enrons Erfolg beruht nicht auf kalifornischen Energiepreisen, sondern auf E-Commerce. Das Unternehmen hat die Deregulierung des letzten Jahrzehnts in der Energieerzeugung und-verteilung genutzt, um den größten elektronischen B2B-Marktplatz der Welt aufzubauen. Im Jahr 2000 allein wickelte Enron Transaktionen im Wert von mehr als 300 Milliarden $ zwischen Energie-Erzeugern und-verteilern, sowie in verwandten "Commodities", ab. Und es ist dieser B2B Marktplatz, dem Enron Wachstum und hohe Profitabilität verdankt.

Enrons Leistung wirkt besonders beeindruckend, wenn man es mit den blutleeren elektronischen Marktplätzen anderer Wirtschaftszweige vergleicht. So hat beispielsweise der "High-Tech"-Bereich Telekommunikation, dessen Deregulierung rund um den Globus die Machtstrukturen vieler Wirtschaften erschütterte, als "erfolgreichste" Marktplätze für Gesprächsminuten und Bandbreiten-Kapazitäten nur Arbinet, Band-X oder RateXchange aufzuweisen. Und die bringen es bestenfalls auf ein Volumen im zweistelligen Millionenbereich und kämpfen allesamt ums Überleben. Es nimmt daher wenig Wunder, wenn Enrons CEO Jeff Skilling inzwischen einen Stammplatz auf den Titelseiten der US-Wirtschaftsmagazine einnimmt und - man höre und staune - das Energieunternehmen Enron zum Vorzeigefall der Internetrevolution gekürt wird.

Jack Welsh hat sehr viel versprochen

Das fuchst Jack Welsh bei General Electric gewaltig. Gerade in seinen letzten aktiven Jahren legt er Wert darauf, der unangefochtene Star-CEO Amerikas zu bleiben. Hatte er nicht bereits Anfang 2000 E-Business zur "ersten, zweiten, dritten und vierten" Priorität bei GE erklärt? Seine Bereiche ließen sich allerdings nicht so schnell bewegen und starrten statt dessen gebannt auf den Jahreswechsel 2000, in der Hoffnung dass sie die "Y2K"-Katastrophe gut überstehen würden. Kaum war der Jahreswechsel (enttäuschend ergebnislos) gemeistert, legte Jack Welsh eine schärfere Gangart ein: "Destroyyourbusiness.com" (DYB) hieß die Parole, mit der GE-Bereiche sich selbst mit Hilfe des Internets kannibalisieren sollten, bevor es jemand anders tat. Dies hatte schon etwas mehr Erfolg, und dank der DYB-Teams wird GE dieses Jahr 1,6 Milliarden US $ sparen. Das ist ein erklecklicher Betrag, liegt dennoch weit unter den zehn Milliarden, die Jack Welch angekündigt hatte.

An anderer Stelle ist GE jedoch dabei, tatsächlich eine potenzielle B2B-Goldmine anzuzapfen. GE Information Systems (GEIS) wickelte schon vor dem Internet für mehr als 100 000 Kunden weltweit 1 Milliarde Transaktionen im Wert von mehr als einer Billion $ elektronisch ab. Der zugrunde liegende elektronische Standard (EDI) wirkt im Internetzeitalter hoffnungslos antiquiert, die Volumina sind jedoch immer noch beeindruckend. Schnell wurde Anfang 2000 deswegen eine neue Einheit, GE Global eXchange Services, geschaffen. Die Aufgabe dieser Abteilung ist es, die Kunden von den reinen Infrastrukturdiensten eines EDI-Netzes hin zu den höherwertigen modernen B2B-Marktplätzen zu führen. Selbst wenn dies nur bei einem Bruchteil gelingen sollte, handelt es sich noch immer um eine beträchtliche Geldquelle.

Glühwürmchen vor dem Sturm

Wenn von Großunternehmen und E-Commerce die Rede ist, dann darf IBM natürlich nicht fehlen. Lou Gerstner amüsierte die Presse vor etwa zwei Jahren, als er die dot.com-Unternehmen flapsig als "Glühwürmchen vor dem Sturm" bezeichnete. Heute wird Gerstner wieder als weitsichtiger Stratege gefeiert, der "Big Blue" nicht nur aus seiner Misere Anfang der Neunzigerjahre rettete, sondern durch die langfristige Ausrichtung auf "B2B E-Commerce" und "E-Business" auch den Grundstein für die derzeitig zehnprozentige Umsatzrendite legte. IBM steht fast unangefochten als leuchtendes Beispiel der "New Old Economy" im High-Tech Bereich.

SAP erlebt einen zweiten Frühling in den USA

Aber eben nur fast. "The New, New Economy (?you know, the profitable one?)" , lautet der derzeitige Leitspruch des Softwareunternehmens SAP, das auch in den USA wieder in frischem Glanz erstrahlt. Die E-Market-Stars von gestern sind dagegen tief gefallen: Von Ariba sind in erster Linie noch Übernahmegerüchte zu hören, und Commerce One geht es nur dank seiner SAP-Partnerschaft etwas besser. SAP selbst hingegen baut B2B E-Commerce-Lösungen so schnell wie sie das Unternehmen nur liefern kann. SAP Markets, mit Sitz in Palo Alto, Kalifornien, ist innerhalb nur eines Jahres von 4 auf 600 Mann angewachsen und floriert derzeit vor allem durch die Einrichtung von "Privaten Marktplätzen", in denen Firmen ihre gesamten B2B E-Commerce-Aktivitäten bündeln. Auch in anderen Bereichen hat SAP seinen vor Jahresfrist angeschlagenen Ruf in den USA wieder hergestellt und nutzt die derzeit schwache US-Wirtschaft zum aggressiven Gewinn von Marktanteilen.

Und so sind sich alle vier Erfolgs-Unternehmen einig: "Big" ist wieder "beautiful". Und B2B-E-Commerce ist die Stoßrichtung der nächsten Jahre.

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