Die Eidgenossen fürchten um ihr internationales Renommee
Der Glanz des Schweizer Kreuzes verblasst

An ihrem Nationalfeiertag präsentiert sich die Schweiz als ein Land im Wandel: Einerseits haben eine ganze Reihe von Skandalen, Affären, Pleiten und tödlichen Unglücken in jüngster Zeit am internationalen Image der Eidgenossen gekratzt. Andererseits fährt Bern heute einen außenpolitischen Öffnungskurs.

GENF. Das Land der Sicherheit und Pünktlichkeit, das Land, das einen Präzisionsschützen als seinen Helden verehrt, durchlebt derzeit eine Serie von Katastrophen und Peinlichkeiten. Doch am 1. August werden sich die Eidgenossen unverdrossen des Schwures ihrer wackeren Vorfahren im Jahr 1291 auf dem Rütli erinnern - und sich im Kollektiv ihrer Einzigartigkeit rühmen.

Auf dem Nationalfeiertag lastet aber schwer eine Erkenntnis, die der Chefredakteur der größten Zeitung des Landes so formuliert: Der "Glanz des Kreuzes ist matt geworden". Jürg Lehmann muss es wissen. Trieb doch der Boulevardjournalist "mit aller Härte" eine Schmutzkampagne gegen das Botschafterehepaar Borer. Der "Blick" und das Schwesterblatt "SonntagsBlick" führten ihr Millionenpublikum mit einem Lügenstück an der Nase herum. Auch die Affäre um das Verlagshaus Ringier ramponierte das Image der Schweiz.

Der Skandal erwischte ebenso Außenminister Joseph Deiss. Anstatt seinem Untergebenen Thomas Borer den Rücken zu stärken, ließ er sich von Straßengazetten die Inszenierung diktieren. Borer flog. Mühsam wand sich Deiss dann aus dem Labyrinth von Halbwahrheiten, Beschuldigungen und Intrigen heraus. Nur um konsterniert festzustellen, dass einer seiner anderen Botschafter in Untersuchungshaft sitzt - Verdacht auf Geldwäsche.

Einem Kollegen des Außenministers erging es nicht viel besser: Finanzminister Kaspar Villiger wollte in seiner Eigenschaft als Bundespräsident in Russland der Opfer der Flugzeugkatastrophe amBodensee gedenken. Die Behörden in Ufa konnten seine Sicherheit jedoch nicht garantieren. Der Schweizer Bundespräsident - eine persona non grata. Die russischen Mütter und Väter wollten alleine trauern, sie konnten den Anblick des steifen Mannes aus Bern an den Särgen ihrer Kinder nicht ertragen. Zu gut war in Erinnerung, dass einige Schweizer dem russischen Piloten der Unglücksmaschine die Schuld in die Schuhe schieben wollten. Dabei wurde im Zürcher Tower skandalös geschlampt und die tödlichen Anordnungen erteilt. Die solide Schweiz, sie gibt es nicht mehr.

Die Pleite der einst so stolzen Swissair lädierte die weltweite Reputation der Eidgenossenschaft mehr als alle anderen Katastrophen. Nie zuvor fühlten sich die Schweizer so gedemütigt. Hatte man nicht mit fast kindlichem Stolz den Jets mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund hinterhergeschaut? Hatte man sich nicht geradezu unschweizerisch empört, wenn ein ausländischer Carrier die Swissair überflügelte? Die Swissair war mehr Symbol der Schweiz als Banken, Berge oder Schokolade. Umso mehr schmerzt, dass der Swissair-Nachfolger Swiss nur mühsam von der Piste kommt. Selbst die "Neue Zürcher Zeitung", die Stimme des Establishments, hat etwas zu mäkeln: Der Service sei "schäbiger Durchschnitt".

Kaum zu glauben war auch die Kaltschnäuzigkeit, mit der sich die Bosse des Zürcher Multis ABB Abfindungen in dreistelliger Millionenhöhe zuschanzten. "Es gab helvetischen Größenwahn", konstatiert der Philosoph Georg Kohler, "nicht zuletzt mitverursacht durch den entfesselten Kapitalismus der letzten Jahre."

Und wo blieb die einst so gerühmte sichere Schweiz? Crossair- und Swissair-Jets fielen vom Himmel. Im Gotthardtunnel brannte es, wieder starben Unbeteiligte in dem alpinen Glutofen. Ein Waffennarr lief mit einem Sturmgewehr der Schweizer Armee im Kantonsparlament von Zug Amok. Das Massaker traumatisierte das Land.

Und als wäre die Gegenwart nicht schlimm genug, tauchten die dunklen Schatten der Vergangenheit auf. Eine Historikerkommission listete penibel die Verfehlungen im Zweiten Weltkrieg auf. Die Schweizer erschienen erneut als amoralische Kriegsgewinnler, vorgeführt als Hitlers stille Helfer. Die Mär vom Sonderfall Schweiz ist reif für die Geschichtsbücher. Inzwischen haben sich die Eidgenossen mit der Welt, so wie sie außerhalb ihrer Grenzen ist, abgefunden. Man reiht sich als Mitglied in die Uno ein. Doch wollten bei der erforderlichen Volksabstimmung immerhin mehr als 45 % der Schweizer in der Isolation verharren - mit dem Vatikan. Selbst der EU kommt Helvetien durch bilaterale Verträge recht nahe.

Gefährlich nahe, wie etliche Finanzmanager murren. Denn das Bankgeheimnis, mythisch verklärt, will kaum einer missen. Die gesetzlich verbriefte Verschwiegenheit lockte 4 000 Mrd. Schweizer Franken an. Zu viel, poltert etwa Hans Eichel: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Land auf Dauer davon leben will, dass es sich als Fluchtburg für die Steuerhinterzieher anderer Länder hergibt."

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