Die einstige Campusstimmung im Unternehmen ist dahin
SAP, SAP and away

Wie kein anderer hat Hasso Plattner den Softwareriesen SAP geprägt. Heute tritt der Exzentriker ab. Auch wenn die Nachfolge gut geregelt scheint, die Lücke, die er hinterlässt, ist groß.

WALLDORF. Der Mann wirkt bullig, so wie er da steht. Den Hemdkragen offen, den Schlips auf halbmast blickt er grimmig in die Runde. Dann poltert er los. "Ich weiß nicht, wie lange ich noch in Deutschland bleibe. Was die da in Berlin machen, ist doch rückwärtsgewandter Sozialismus", ereifert er sich.

Das war Ende 2002 während einer Pressekonferenz. Jetzt geht Hasso Plattner tatsächlich, aus anderen Gründen. Er flüchtet in die Freizeit. SAP, SAP and away. Heute wird er auf der Hauptversammlung des Walldorfer Softwareunternehmens SAP seinen letzten Auftritt als Vorstandssprecher haben. Wenn ihn am Ende nicht die Rührung übermannt, wird seine seine Rede wieder klar sein, direkt, worthülsenfrei, dafür anglizismenträchtig.

Wie kein anderer der fünf ehemaligen IBM-Mitarbeiter, die SAP 1972 gründeten, hat Plattner, 59, das Unternehmen mit seinen inzwischen 30 000 Mitarbeitern geprägt. Seine exzentrische, zuweilen cholerische Art polarisiert. Plattner ist SAP, und SAP ist Plattner - auch wenn diese Formel mittlerweile an Bedeutung verloren hat, jahrelang galt sie uneingeschränkt.

Als Plattner 1997 die Führung der SAP übernimmt, setzte der Konzern drei Milliarden Euro um, heute sind es über sieben Milliarden Euro. Mit dem rasant steigenden Umsatz aber veränderte sich vieles in Walldorf. Sicher, die berühmten Diskussionsecken mit Kaffee und Tee "for free" gibt es noch immer. Aber die einstige Campusstimmung ist dahin. Moderne Sicherheitstüren mit Kartenlesegeräten hängen inzwischen vor jedem Flur. "Anders geht es doch auch gar nicht. Dazu sind wir einfach viel zu groß geworden", formuliert es ein SAPler nüchtern.

Allmählich begreifen die Mitarbeiter, dass sie am Ende doch in einem ganz normalen Unternehmen arbeiten. Zwar gibt es bei SAP noch immer keinen Betriebsrat, aber sonst ist doch vieles so wie in anderen Dax-30-Unternehmen: die Kommunikationswege sind lang, die Entscheidungswege auch, allen Lippenbekenntnissen über die Vorteile schlanker Strukturen zum Trotz. Daran hat Plattner zuletzt ebenso wenig etwas ändern können wie seine Vorstandskollegen.

Wohl auch deshalb sehen die Mitarbeiter in der Konzernzentrale den Abschied Plattners gelassen. Ob sich etwas ändert? Ein SAPler zuckt nur mit den Schultern. "Wir kriegen nichts davon mit", sagt er. "Kontinuität" predigt auch Henning Kagermann, jahrelang der ruhige, besonnene Begleiter von "Hasso". Ab heute soll er die Geschäfte als Vorstandschef alleine führen.

Faktisch macht Kagermann dies bereits seit einiger Zeit. Lebemann Plattner, ihm gehören Flugzeuge, eine große Yacht und ein Golfplatz in Südafrika, lag der Alltagsjob mit dem ganzen Verwaltungskram noch nie. "Ich kann meine Talente sinnvoller einsetzen, als jeden Tag zig E-Mails zu lesen", sagte er erst im März, als er seinen Rücktritt offiziell machte. Für die meisten Analysten kam der Entschluss nicht mehr überraschend: "In der Finanz-Community ist Kagermann schon lange ein verlässlicher Gesprächpartner", betont etwa Jochen Klusmann von der ING BHF-Bank.

Und doch wird es schwer, Plattner gleichwertig zu ersetzen.Vor allem Shai Agassi und Léo Apotheker sollen es versuchen. "Kagermann sorgt für die Stabilität, Agassi hat den richtigen Ansatz im schwierigen US-Markt und der Apotheker hat das Verständnis für die restlichen SAP-Märkte", ist Jean-Christian Jung vom Münchener IT-Marktforscher PAC zuversichtlich.

Tatsächlich hat Apotheker bereits bewiesen, dass er vom Marketing etwas versteht. Erfolgreich modernisierte der 40-jährige den Vertrieb in Europa. Auch in Amerika, dem wohl schwierigsten Markt für die Walldorfer, kam er ein Stück voran. Umstrittener ist dagegen Agassi. Zwar gilt der Gründer und ehemalige Chef der von SAP übernommenen Softwarefirma Top Tier als kluger Kopf, was Technik und Visionen angeht. Doch die steile Karriere des 34-jährigen geht einigen in Walldorf zu schnell. Intern soll Plattner gar mit Rücktritt gedroht haben, um seinen Kandidaten durchsetzen zu können, wird berichtet.

Dabei lastet auf dem gebürtigen Israeli die wahrscheinlich schwierigste Aufgabe: die Führung der 9 000 Mann starken Entwicklertruppe, die teilweise in Palo Alto sitzt. Schon zwischen Plattner und den in der Hochphase der New Economy verhätschelten Technikern krachte es oft. "Wir haben uns regelmäßig die Haare gerauft, wenn eine Idee von uns in Walldorf kaputtgeredet wurde. Kurze Zeit später kamen dann die Walldorfer mit der gleichen Idee", beschreibt ein ehemaliger SAP-Mitarbeiter aus Kalifornien seine Erfahrung; der Streit lähmte den ganzen Konzern. Ende der neunziger Jahre spitzte sich diese Situation zu. Immer häufiger musste Plattner bei US-Unternehmen ohne Auftrag abziehen. Stars der New Economy wie Ariba, Siebel oder I2 machten das Rennen. "Tag für Tag bei Kunden Ohrfeigen zu kassieren, das hat Plattner wehgetan", berichtet ein Weggefährte.

Doch Plattner schafft die Wende. Er teilt seine Standardsoftware in kleinere Einheiten auf, gibt dem ganzen ein schöneres und vor allem leichter zu bedienendes Outfit, koppelt die Programme an das weltweite Datennetz - die Umsätze steigen.

Ob Agassi, das eingekaufte Talent, blutjung und ohne die Macht eines Firmeneigners im Rücken, es schaffen kann, die Einheit unter den Entwicklern herzustellen? Skeptiker zweifeln. "Es wird keine einfache Aufgabe für ihn", sagt ein Programmierer aus Walldorf: "Vielleicht muss Ziehvater Plattner ihm noch das eine oder andere Mal zur Seite stehen". Aber das ist ja auch so gewollt. "Plattner bleibt in der SAP-Familie. Er wird so etwas wie die graue Eminenz", sagt Marktforscher Jung. Auf SAP übersetzt heißt der Titel Chief Software Advisor.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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