Die Etablierten brauchen die Impulse und den Ideenreichtum der jungen Branchen
Das Selbstbewusstsein der Industrie steigt

Seit die Konjunktur bei den Startup-Unternehmen eingebrochen ist, ruht die Hoffnung jener Politiker, die unverdrossen von einem robusten Wirtschaftswachstum reden, auf den traditionellen Branchen. Tatsächlich jedoch kommt auch die so genannte Old Economy nicht ohne die Erkenntnisse der New Economy aus.

HB HANNOVER. Der Vorstand des großen Industriekonzerns mühte sich redlich. Dort, wo seine PR-Leute im Redemanuskript den visionären Teil vorgesehen hatten, las er von E-Commerce und überhaupt E-Business vor, die selbstverständlich zentraler Bestandteil der Strategie seien.

In freier Rede am Buffet klang es dann etwas anders. Dieses ganze Thema werde furchtbar hochgejubelt, klagte der Mann. Manches Startup bringe nichts zu Stande außer Verlusten und sei an der Börse mehr wert als das eigene Traditionshaus mit Rekordgewinn. Für die Innovationen, die man wirklich brauche, finde sich andererseits kein Personal. Nun, sagte der Mann, man werde bei diesen E-Commerce-Dingen halt ein bisschen mitmachen und warten, wohin das alles führt.

Die Welt der Old Economy ist wieder in Ordnung

Inzwischen ist die Welt der Industriekapitäne wieder leidlich in Ordnung. "Mit gestiegenem Selbstbewusstsein" kämen sie in dieser Woche nach Hannover, hat Messechef Klaus E. Goehrmann festgestellt. Während kein Tag ohne Hiobsbotschaft aus der "New Economy" vergeht, gedeiht die "Old Economy", als sei nichts gewesen. Mit 7 % Wachstum rechnet ZVEI-Präsident Dietmar Harting für die deutsche Elektroindustrie, 5 % sollen es im Maschinen- und Anlagenbau werden und gar 15  % in der Robotik. Viel Besseres hatten auch die Cebit-Branchen vor einigen Wochen am gleichen Ort nicht zu bieten.

Wie kann das sein, wo doch viele junge Unternehmen ihre Krise damit begründen, dass die Industrie kein Geld mehr für Investitionen ins E-Business habe? Da lügen sich einige in die Tasche. Es ist wohl eher so, dass ihre Produkte unter all den Dingen, für die ein Unternehmen Geld ausgibt, die entbehrlichsten sind - schön, wenn man sie hat, mehr nicht. Hier kann man sparen, ohne zu leiden.

Es wäre allerdings fatal, daraus den Sieg der Traditionalisten abzuleiten. Wer heute zu Recht mit gestiegenem Selbstbewusstsein nach Hannover kommt, hat die Grenzen zwischen "Alt" und "Neu" ohnehin längst aufgehoben. Nicht umsonst haben die Software-Anbieter auf dieser Messe ihre eigene Halle. Nichts wird mehr produziert, ohne dass im Produkt, bei Entwicklung und Herstellung oder beim späteren Einsatz Mikroelektronik und Software eine entscheidende Rolle spielten.

Technikinseln müssen verbunden werden

Dabei sieht Harting eine neue Stufe erreicht. Bisher sei Technik für höhere Effizienz und Qualität oder für neue Produkteigenschaften genutzt worden. Doch diese Potenziale seien weitgehend ausgeschöpft. Jetzt müssten Technikinseln verbunden werden. Nicht mehr das schöne neue Produkt allein zähle, sondern seine Einbindung ins Gesamtsystem und damit sein Beitrag zur Wertsteigerung beim Anwender.

Das ist ein bisschen komplizierter, als das x-te Internetportal zur bahnbrechenden Idee zu erklären. Aber die New Economy hat sich diesen Ansprüchen gestellt, als sie "Business-to-Business" zum Hoffnungsträger erklärte. Jetzt bekommen alle Probleme, für die das nur eine Verlegenheitslösung nach dem Scheitern im Konsumentengeschäft war. Das aktuelle Zögern der Industriemanager hat nur noch selten etwas mit Ignoranz zu tun. Die meisten sehen einfach zu viel aufwendige Spielerei und zu wenig Mehrwert. Ihn wollen sie nicht nur haben, sie brauchen ihn existenziell.

So ist es vernünftig, dass die Industrie bei allem Selbstbewusstsein kein Triumphgeheul anstimmt. Auf dieser Messe will sie nicht nur ins Rampenlicht zurückkehren, sie will auch die falschen Etiketten von "Old" und "New" abreißen. Diese Grenze verlief nie zwischen Branchen, sondern nur zwischen guten und schlechten Unternehmen. Die Etablierten brauchen die Impulse, den Ideenreichtum der jungen Branchen in verwertbarer Form. Das Letzte, was sie sich wünschen können, ist ein Scheitern jener Revolution, die man New Economy getauft hat. Es ist wie bei allen Revolten: Irgendwann endet die Zeit der platten Parolen und es beginnt der Marsch durch die Institutionen.

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