Die Euphorie in Krefeld ist verflogen
Sparen und siegen

Vor dem Start der neuen Saison geben sich die Clubs der Deutschen Eishockey-Liga ungewohnt bescheiden.

DÜSSELDORF. Die Hitze des Sommers lässt den Ostermontag 2003 für manchen Krefelder erscheinen wie eine verschwommen im Gedächtnis wabernde Fata Morgana. Damals, als Tausende am späten Nachmittag aus ihren Häusern stürzten und Hunderte jubelnd an den Glasbanden der Köln Arena hingen: Die Krefeld Pinguine waren deutscher Eishockeymeister, die Sensation geschafft.

Donnerstag Abend startet das Team beim Erzrivalen Düsseldorf in die neue Saison - es ist das Eröffnungsspiel der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in deren zehnter Saison. Doch die Euphorie in Krefeld ist verflogen. Stattdessen: Tristesse. Nochmal solch ein Coup? Unmöglich. Stars wie Christoph Brandner und Brad Purdie gingen, das Geld, um sie zu halten, fehlte. "Bei der Akquise neuer Partner hat uns der Titel nicht geholfen", sagt Geschäftsführer Wolfgang Schäfer.

Die DEL beugt sich der ökonomischen Realität: "Bei den Clubs ist wirtschaftliche Vernunft eingezogen", sagt DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke. Bei 4,2 Millionen Euro liegt der Durchschnittsetat, 100 000 Euro weniger als im Vorjahr.

"Es war nicht einfach, Sponsoren zu finden", bestätigt Thomas Eichin, Co-Geschäftsführer der Kölner Haie. Doch es gebe einen Vorteil: "Die Last ist auf mehrere Partner verteilt, wir bekommen mehr Logos auf den Trikots unter. Da ist es nicht so schlimm, wenn ein Sponsor ausfällt." Wie das aussehen kann, erlebte er beim Elektronikhersteller Scott: Der blieb über 100 000 Euro schuldig. Nun ringt man um einen Vergleich. Und so heißt es: sparen, sparen, sparen. "Wir überlegen genau, ob wir einen Folder an eine teure Agentur abgeben, oder ihn selbst machen", erklärt Eichin.

Die begrenzte Begeisterung der Wirtschaft dürfte nicht in der vergangenen Saison begründet sein. Die Clubs meldeten TV-Präsenz im Rekordausmaß, der Zuschauerschnitt stieg um 18 Prozent auf 5 500 Fans pro Spiel. Doch teures Sponsoring als Werbung findet kaum mehr statt: "Der Trend geht zum Vip-Paket mit Stadionbesuch", sagt Eichin. Und das kostet weniger.

Ein Gutes hat die Sparfreude: "Die Zeit finanzieller Drahtseilakte ist vorbei", glaubt DEL-Chef Tripcke. Pleiten während der Saison soll es nicht mehr geben, statt teurer Ausländer setzen die Clubs weiter auf heimische Spieler: "Wir haben mit Abstand die meisten einheimischen Spieler der großen Profiligen im Vergleich zum Fußball, Handball und Basketball", sagt Tripcke. 12 Ausländerplätze pro Team sind erlaubt, in der vergangenen Saison waren es 13. Noch 1998 mussten nur fünf Deutsche im Aufgebot stehen, die übrigen durften Ausländer sein.

Dieser Wandel könnte dem Image helfen. Das Sportmagazin "Kicker" entschloss sich , erstmals ein Eishockey-Saisonheft auf den Markt zu bringen. "Nach vielen Fehlern versucht der Sport wieder Fuß zu fassen. Das wollen wir nutzen", sagt Chefredakteur Rainer Holzschuh. Und der Anzeigenverkauf? "Wir sind nicht unzufrieden" mit fünf Anzeigenseiten auf 136 Seiten.

Auch beim Mobilfunk tut sich etwas: Fans können in dieser Saison bei allen großen Handynetzen einen Live-Ticker abonnieren. Tore wird es dabei wohl vor allem von vier Teams zu vermelden geben. Köln, Mannheim, Berlin und Hamburg sind die Top-Favoriten. Doch das Eisbären-Team ist angeschlagen, zwei Spieler sitzen in Schweden in Untersuchungshaft. Während des Trainingslagers sollen sie eine Frau vergewaltigt haben.

Köln dagegen hat den Wunsch-Torjäger nicht bekommen: Brandner, Krefelds Star, zog den Wechsel in die USA vor - obwohl er in Köln mit 360 000 Euro einen Gehaltsrekord gesetzt hätte. Mannheim verlor drei Nationalspieler an die NHL: Dimitri Pätzold, Christian Ehrhoff und Marcel Goc. Die Hamburg Freezers halten viele für überaltert. Platz also für einen Außenseiter? Vielleicht die Ingolstadt Panther, die dank des Sponsors Media Markt/Saturn und der Aussicht auf ihr neues Stadion den Etat erhöhten? Oder vielleicht doch Krefeld. "Wir werden wieder Meister", tönt dort Trainer Butch Goring. Klingt utopisch - aber das hätte vor der letzten Saison ja auch jeder gesagt.

Quelle: Handelsblatt

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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