Die Euro-500-Unternehmen verkleinerten ihre Belegschaften um durchschnittlich 5,9 Prozent
Deutsche und Franzosen hoffen auf Arbeitsmarkt-Reformen

Für eine wirkliche Sanierung des Arbeitsmarktes gibt es nur zwei realistische Gelegenheiten: Entweder in guten Zeiten, wenn die Arbeitnehmer bereit sind, Chancen zu nutzen und dafür lieb gewonnene Besitzstände über Bord zu werfen. Oder in wirklich schlechten Zeiten, wenn ihnen nichts anderes übrig bleibt, als schmerzhafte Einschnitte hinzunehmen, um die Existenz zu sichern.

HB PARIS. Die erste Gelegenheit haben die beiden großen europäischen Volkswirtschaften Deutschland und Frankreich versäumt: Nachdem sie den Boom der späten "goldenen Neunziger" ungenutzt verstreichen ließen, bleibt ihnen jetzt nur noch die bittere Alternative der Zwangs-Einschnitte. Beide Länder verbindet die traurige Gemeinsamkeit, dass sie in den ersten drei Monaten dieses Jahres kein Wachstum erzielt haben und es auch im laufenden Quartal mau aussieht. Für das Gesamtjahr 2003 könnte Frankreich vielleicht noch ein Prozent Wachstum schaffen, Deutschland muss froh sein, wenn es überhaupt wächst.

"Ohne Arbeitsmarktreformen droht uns eine festgefahrene Situation", warnt Jean Battault, Chef des Likörherstellers Gabriel Bourier im französischen Dijon. "Die Lohnkosten sind einfach zu hoch", klagt er. Eisern hat er seine Mitarbeiterzahl bei 76 eingefroren und stellt auch keinen Ersatz mehr ein, wenn ein Mitarbeiter in den Ruhestand geht oder kündigt.

Belegschaften werden verkleinert

Dies ist inzwischen fast schon die Regel in Europas Betrieben - und zwar keineswegs nur in den kleinen und mittelständischen. Auch die Großunternehmen des Euro-500- Rankings von Handelsblatt und Wall Street Journal Europe haben ihre Belegschaften im abgelaufenen Geschäftsjahr um durchschnittlich 5,9 % verkleinert.

Die steigenden Arbeitslosenzahlen verstärken in Frankreich und Deutschland gleichermaßen den Druck auf die Regierungen, die angekündigten Arbeitsmarktreformen endlich durchzusetzen. Noch können die beiden großen europäischen Volkswirtschaften ihre großzügigen Sozialleistungen und hohen Lohnkosten durch die relativ hohe Produktivität ihrer Wirtschaft rechtfertigen. Doch ausgerechnet der Sektor, der am meisten zur Produktivität beiträgt - die verarbeitende Industrie - verliert an Bedeutung für den Arbeitsmarkt. In Frankreich schaffte nur der Dienstleistungssektor mit seinen überwiegend kleinen und mittelgroßen Unternehmen neue Jobs. Die drei größten französischen Arbeitgeber sind allesamt Dienstleister: Der Einzelhandelskonzern Carrefour (396 662 Mitarbeiter, siehe Tabelle), der Medienkonzern Vivendi Universal (335 000) und der Multi-Dienstleister Sodexho Alliance (315 141).

In Deutschland wurde überall abgebaut

In Deutschland funktioniert selbst die Dienstleistungsbranche nicht als Jobmotor. Hier wurde ebenso abgebaut wie überall sonst in der deutschen Wirtschaft. Unter den größten deutschen Arbeitgebern dominieren weiter die Industriekonzerne: Drei der Top vier sind Siemens (420 000), Daimler-Chrysler (370 677) und Volkswagen (324 892). Als einziger Dienstleister drängt sich als drittgrößter deutscher Arbeitgeber die Deutsche Post (327 676) dazwischen.

In Frankreich arbeiteten noch vor 25 Jahren ebenso viele Menschen in der verarbeitenden Industrie wie im Dienstleistungsgewerbe. Heute überflügeln die privaten Service-Anbieter die Fabriken um das Dreifache, so die offizielle Regierungsstatistik Insee. Bei den Dienstleistern und den kleineren Unternehmen sieht auch der größte französische Unternehmerverband Medef denn auch die größten Fortschritte bei der Reform des Arbeitsmarkts.

Um die Reformen in die Wege zu leiten, verabschiedete das Kabinett von Jacques Chirac im Mai eine Initiative, die die Lebensarbeitszeit der Franzosen schrittweise verlängern soll. Doch die Widerstände sind groß: Überall in Frankreich inszenieren die Gewerkschaften zurzeit Streiks. Diese fielen bisher allerdings weniger aggressiv aus als von der Wirtschaft befürchtet. Anders als bei der letzten großen Streikwelle 1995 könnten die Gewerkschaften diesmal mit dem Versuch scheitern, die Reformen zu verhindern.

"Deutlich mehr Reformen sind nötig"

In Deutschland gelang es Bundeskanzler Gerhard Schröder, seiner eigenen Partei die "Agenda 2010" abzuringen. Michael Dicks, Volkswirt bei Lehman Brothers, erhofft sich von der Agenda die Wende, die es Deutschland endlich ermöglicht, den Rückstand gegenüber dem Rest Europas wettzumachen. Doch er warnt, dass selbst das Aufholen innerhalb Europas - sollte es gelingen - nicht genug wäre. "Um den Rückstand der Eurozone gegenüber den USA wettzumachen, sind deutlich mehr Reformen nötig."

Frankreich kämpft noch mit einem weiteren Problem: Einer Jugendarbeitslosigkeit von über 22 % bei einer Arbeitslosenquote von insgesamt 9,3 %. Gleichzeitig sinkt das durchschnittliche Rentenalter auf inzwischen 59 Jahre, verglichen mit 60,5 in Deutschland und 65 in den USA.

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