Die Formel 1 spekuliert vor dem ersten Rennen in Melbourne über die Folgen des neuen Reglements: Langsam wird es spannend

Die Formel 1 spekuliert vor dem ersten Rennen in Melbourne über die Folgen des neuen Reglements
Langsam wird es spannend

In Melbourne wird sich zeigen, ob und wie sich die vielen Änderungen im Regelwerk auswirken. McLaren-Pilot David Coulthard wittert schon unheilige Allianzen.

MELBOURNE. Bernie Ecclestone hat ein Problem: "Die Formel 1", klagte der Zampano vorm Saisonauftakt, "hat in letzter Zeit zu sehr in den Wirtschaftszeitungen und zu wenig in den Sportteilen stattgefunden." Die Mechanismen, die im Fahrerlager und an der Börse gelten, sind offenbar ähnlich. Promoter Ecclestone: "Es gibt reichlich was zu spekulieren."

Die kurzfristig zum festen Reglementsbestandteil erhobene Unberechenbarkeit lässt für den ersten Moment die sportliche Frage, ob die Formel 1 erneut das ganze Jahr über Rot sehen wird, in den Hintergrund rücken. Die rasante Gartenparty im Albert Park von Melbourne bietet an diesem Wochenende anderen Gesprächsstoff, um nicht zu sagen Zündstoff: Wird durch die neuen Regeln, vor allem die komplett veränderte Qualifikationsregelung, noch irgendetwas so sein wie es früher einmal war?

"Noch nie war es so schwierig vorherzusagen, wie das Rennen ausgehen wird", stöhnt BMW-Pilot Ralf Schumacher. Auch wenn die Neu-Interpretation nicht zwingend im Chaos enden muss, steht für die Formel 1 eine ihrer festen Größen auf dem Spiel - die generelle Beständigkeit. Automobil-Weltpräsident Max Mosley, der sich in den letzten Wochen als großer Reformator die Gunst der Zuschauer und gleichzeitig den Zorn der Automobilhersteller zugezogen hat, avancierte selbst zum Musterbeispiel für den in Betrieb genommenen Zufallsgenerator: Der Brite hatte Probleme mit seinem Flug nach Melbourne, der Thron bei seiner für Donnerstag angesetzten programmatischen Pressekonferenz blieb leer. Die erste Überraschung, wenn man so will.

Melbourne ist, rein geographisch gesehen, genau der richtige Ort, um die Formel-1-Welt auf den Kopf zu stellen. Die langen Flüge dorthin konnten die Ungewissheit der Rennfahrer und der Teamstrategen nicht lindern. Im Gegenteil: Je länger man über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Einzelzeitfahrens und Nachtankverbots in der Qualifikation - zwischen der Qualifikation am Samstag und dem Rennen dürfen die Wagen nicht mehr betankt werden - nachdenkt, je mehr Variationen gibt es. BMW-Sportdirektor Gerhard Berger, der seinen Abschied in Raten zum Saisonende bekannt gab, wirkte da fast vergnüglich in seiner Einschätzung - mit diesen Problemen müssen bei BMW-Williams (die Fortsetzung der Partnerschaft über weitere fünf Jahre erscheint immer wahrscheinlicher, ein rein bayerisches Auto scheint damit vom Tisch) künftig andere klarkommen: "Keiner kann mehr auf seine Erfahrungen bauen. Nach vier, fünf Rennen wird man an Sicherheit gewinnen, aber am Anfang kann man mit seinen Strategien völlig falsch liegen."

Auf die wird sich insbesondere das Nachtankverbot auswirken: Chancenlose Rennställe könnten nun ihre Wagen mit minimaler Benzinmenge - und somit geringerem Gewicht und schnellerer Fahrt - ins Qualifikationstraining schicken, um dadurch weit nach vorn zu kommen und in den ersten Rennrunden am Sonntag ihren Sponsoren Fernsehpräsenz zu verschaffen. Allerdings müssen sie dort früher als andere auftanken. Die Favoriten werden wohl eher mit mehr Sprit antreten, um dann im Rennen verlorenen Boden gutzumachen.

McLaren-Pilot David Coulthard wittert schon ein Szenario unheiliger Allianzen. Manch kleines Teams könne zum Helfershelfer eines großen werden und durch freches Vorpreschen dann dessen Konkurrenz blockieren. Eindeutig, dass sich der Verdacht auf Ferrari, Minardi und Sauber bezog. Ein versteckter Vorwurf, den Michael Schumacher erst für "überraschend", dann für "nicht Besorgnis erregend" und schließlich für "unfair" hielt. Wer die Dinge so sehen wolle, der könne sie so negativ sehen.

Die Regel-Dramaturgen schicken die Top-Serie auf eine Schicksalsfahrt, an deren Ende mehr Vernunft, vor allem auf finanziellem Sektor, stehen soll. Deshalb wurde die alte Regel, dass das Qualifying am Samstag die wahre Leistungsfähigkeit eines Fahrers und seines Autos abbildet, bei nur einer Gelegenheit erheblich den Zufällen (zum Beispiel sich ändernden Wetterverhältnissen) unterworfen.

Gut möglich also, dass sich das an Schumi-Alleinfahrten gewöhnte Formel-1-Publikum fortan wieder wundert. Wer auf der Rennpiste wirklich welches taktische Spiel gespielt hat, wird sich häufig erst in der zweiten Hälfte des Rennens erweisen. Eine Geduldsprobe, die die Spannung erhöhen soll. Ob die Grenze zur Unerträglichkeit erreicht wird, bleibt abzuwarten. Beim Großen Preis von Australien jedenfalls läuft der Ticketvorverkauf bestens - ob dies auch an Mosleys Reform liegt, vermag niemand zu sagen.

Mercedes-Sportchef Norbert Haug verspricht sich durch die erhöhte Anzahl der Variablen ein "komplett neues Spiel", das sich bald einpendeln werde. Eine generelle Leistungsverschiebung sieht er nicht: "Egal, wie die Regeln geändert wurden, zum Schluss gilt, dass ein Langsamer dadurch nicht schneller wird." Im Prestigekampf um die Art und Weise, wie die neuen Regeln durchgedrückt wurden, wollen die Hersteller dennoch nicht klein beigeben. "Da muss noch einiges geklärt werden", meint Haug, "aber nicht an diesen drei Tagen in Melbourne."

Mit dem Gejammere sollte also zumindest vorübergehend Schluss sein, die Formel 1 beschleunigt wieder. Fahrtrichtung Sportteil. So jedenfalls wünscht es der alte Bernie.

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