Die fortgeschrittene Zerstörung Afghanistans erfordert ein vielschichtiges Konzept für den Wiederaufbau
Am Hindukusch droht eine Katastrophe

Nach dem Krieg soll Afghanistan mit einer Art Marshall-Plan beim Wiederaufbau des völlig zerstörten Landes geholfen werden. Dies setzt allerdings voraus, dass zunächst die notwendigen politischen, administrativen, ökonomischen und sicherheitspolitischen Infrastrukturen geschaffen werden.

NEU DELHI. Nach zwanzig Jahren Krieg und Dürre sowie angesichts Millionen von Flüchtlingen stellt sich der Völkergemeinschaft in Afghanistan eine Aufgabe, gegenüber der die Neuordnung des Balkans oder der Wiederaufbau Kambodschas Kinderspiele waren. Die physischen, staatlichen und sozialen Infrastrukturen sind völlig zerstört.

Die Geographie einer Gebirgs- und Sandwüste erlauben nur ein überaus dünnes Kommunikationsnetz, das angesichts der Unterentwicklung des Landes ohnehin immer sehr dürftig entwickelt war und durch den Krieg weiter gelitten hat. Nur 12 % des Bodens sind landwirtschaftlich nutzbar, nur 5 % sind durch Bewässerung erschlossen. Der Krieg hat die Handelsrouten zerstört, Jahrhunderte alte Bewässerungssysteme funktionsunfähig gemacht und Kulturland durch Millionen von Minen in Wüste zurückverwandelt.

Ein Viertel der Bevölkerung war in den letzten zwanzig Jahren auf der Flucht, der Kriegsdienst hat in vielen Fällen den Mann - in einer islamischen Gesellschaft der einzige Brotverdiener - seiner Familie entrissen. Das filigrane Netz von Nachbarschaftsverhältnissen zwischen Clans und Stämmen ist durch den Zustrom von Waffen, Drogengeldern und den Kauf politischer Loyalitäten in vielen Fällen gerissen.

In den letzten zehn Jahren kam die Zerstörung der staatlichen Strukturen aus der Zeit der Monarchie und während des kommunistischen Regimes hinzu. Der Bürgerkrieg unter den Mudschaheddin zwischen 1992 und 1996 sowie die Herrschaft der Taliban danach haben Ansätze einer zentralen Administration bis auf die Distriktebene verschwinden lassen. Nur auf lokaler Ebene haben sich die traditionellen Formen des Dorfmanagements wenigstens einigermaßen halten können.

Die Wiederherstellung dieser administrativen Struktur wird eine Nach-Taliban-Regierung als erstes Ziel in Angriff nehmen müssen, und zwar noch bevor Wiederaufbauhilfe ins Land fließt. "Es nützt wenig, von einem Marshall-Plan zu sprechen, wenn es kein Finanzministerium gibt, das die Hilfe in Empfang nehmen kann", meint ein Vertreter des Hilfswerks Oxfam in Islamabad. Und der Aufbau kann nicht gestartet werden, solange der Staat seine Sicherheit nicht garantieren kann. Afghanistan hat zwar viele Soldaten, aber keine nationale Armee. Parallel dazu muss die Konstitution eines "Obersten Rates" aller ethnischen Gruppen, der Kriegsparteien und von prominenten Afghanen erfolgen.

Doch die Zeit drängt, denn der Zerstörungsgrad des Landes und der bevorstehende Winter könnten sich zu einer humanitären Katastrophe verbinden. Dies mag ein Grund dafür sein, dass das von den Regierungen in Paris und Berlin formulierte Diskussionspapier anerkennt, dass "angemessene Uno-Strukturen etabliert werden müssen mit der "signifikanten" Beteiligung islamischer Staaten. Da es noch praktisch keine Transmissionsriemen zwischen Zentralstaat und Lokalverwaltungen gibt, muss alsbald eine provisorische Sicherheitsarchitektur auch auf Distriktebene geschaffen werden.

Sowohl die USA als auch die EU sind sich einig, dass dieser politisch-administrative Prozess von massiver Wirtschaftshilfe begleitet werden muss. Dabei muss ein Katastrophenszenario zu Grunde gelegt werden, an dessen Anfang die Rückführung und die Rehabilitation der Flüchtlinge steht. Dann muss ein langfristig konzipiertes Wiederaufbau-Programm folgen. Schließlich muss eine wirtschaftliche Kooperation angeboten werden, in deren Rahmen das Land seine Standort- und Ressourcenvorteile, über die Afghanistan mit seinem Reichtum an Mineralien durchaus verfügt, nutzen kann.

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