Die Fronten zwischen Pharma- und Biotechindustrie schwinden
Aventis geht neue Wege mit Millennium

Während Pharmakonzerne in die Genomanalyse investieren, drängen Biotech-Spezialisten in die Chemie. Für beide Gruppen wird die Integration der Technologien immer wichtiger. Das zeigt auch die jüngste Allianz zwischen dem Pharmariesen Aventis und der amerikanischen Biotech-Gruppe Millennium

BOSTON. Autofahrer sind mit dem Phänomen bestens vertraut: Auf der breit ausgebauten, vierspurigen Autobahn geht es nur im Schritt-Tempo voran, weil sich irgendwo weiter vorne die Fahrbahn wieder auf zwei oder nur eine Spur verengt. Ähnliche Erfahrungen mussten in den vergangenen Jahren viele große Pharma-Unternehmen machen, die ihre Forschungsaktivitäten massiv erweiterten und mit immer neuen Technologien aus dem Repertoire der Molekularbiologie und Genomforschung anreicherten.

Die damit verbundene Aussicht auf schnelle und kostengünstige Erfolge in der Produktentwicklung entpuppten sich vielfach als Fata Morgana. Gängigen Industrie-Statistiken zufolge haben sich die milliardenschweren Investitionen bislang im Output an neuen Wirkstoffen kaum niedergeschlagen. Der Entwicklungsaufwand je Medikament hat sich statt dessen offenbar weiter erhöht und wird inzwischen auf mehr als 400 Mill. $ geschätzt.

Diese Problematik bildet den Hintergrund für eine in mehrfacher Hinsicht ungewöhnliche Allianz, die Aventis und die amerikanische Biotechfirma Millennium Pharmaceuticals, Cambridge/Mass., vor wenigen Wochen besiegelten. Der französische Pharmariese, der aus dem Zusammenschluss von Hoechst und Rhône-Poulenc entstand, wird dabei für 250 Mill. $ Millennium-Aktien erwerben und weitere 200 Mill. $ für die Übernahme von Technologien zahlen. Darüber hinaus vereinbarten beide Unternehmen eine gleichberechtigte Partnerschaft für die Entwicklung und Vermarktung von Medikamente gegen entzündungsbedingte Krankheiten sowie eine Zusammenarbeit in der Entwicklung von Verfahren zur Wirkstoffoptimierung.

Der Deal zählt damit nicht nur zu den finanziell umfangreichsten der Branche. Er ist auch eines der bisher deutlichsten Signale dafür , wie sehr sich die Fronten zwischen Pharma- und Biotechindustrie inzwischen verwischen. Für einen spezifischen Therapiebereich (Entzündungen) wurde erstmals eine Kooperation zwischen einem Pharma- und einem Biotechunternehmen vereinbart, bei der sich beide Partner die Kosten wie auch potenziellen Erlöse teilen.

Zugang zum Know-how in der Wirkstoff-Synthese

Parallel dazu zielt Aventis darauf, die breit angelegte Genomforschungs-Strategie von Millennium zu koopieren. Umgekehrt eröffnet sich die ehrgeizige US-Biotech-Gruppe Zugang zum Aventis-Know-how in der Wirkstoff-Synthese und der klinischen Entwicklung. Während der Pharmakonzern mit dem Deal vor allem seine Kapazitäten in der Frühphasenforschung ausbaut, verstärkt sich der Biotech-Partner "downstream", das heißt in Richtung Wirkstoffsuche, Produktion und Markt. Das Zauberwort für beide Seiten lautet "Integration" und reflektiert die Hoffnung, einen der maßgeblichen Engpässe in der Arzneimittelforschung zu überwinden: Zwar hat die Genomforschung inzwischen das Verständnis von vielen Krankheiten dramatisch verbessert und ein Fülle neuer Angriffspunkte für Therapien zu Tage gefördert, die Auswahlverfahren für potentielle Wirkstoffe indes nicht entsprechend vorangebracht. Pharmaforscher können im Labor heute zwar relativ schnell Moleküle identifizieren, die an diese "Targets" binden. Doch ist zunächst noch zu wenig bekannt darüber, wie diese potenziellen Wirkstoffe vom menschlichen Körper aufgenommen, verarbeitet und wieder abgebaut werden. Die Folge: Die Mehrzahl der Kandidaten scheitert in der klinischen Prüfung an fehlender Wirksamkeit oder Nebenwirkungen. Etwa drei Viertel der F + E-Budgets fließen in Wirkstoffe, die nie den Markt erreichen.

Vor allem dieses Problem hoffen Aventis und Millennium nun zu mildern, indem sie Genomforschung und Chemie enger miteinander verzahnen. "Wir müssen von einer Wertschöpfungskette zu einem Wertschöpfungs-Netzwerk übergehen", beschreibt Aventis-Forschungschef Frank Douglas eine Strategie, mit der sich in ähnlicher Form derzeit fast alle großen Pharmakonzerne befassen. Bei Aventis und ihren beiden Vorgängerunternehmen führte dies bereits in den vergangenen Jahren zu einer Serie von Veränderungen in der Organisation. "Wir brauchen eine Kultur, die auf Integration und Partnerschaft ausgerichtet ist", so Douglas. Die Allianz mit Millennium soll dazu zusätzliche Impulse vermitteln. Beide Partner haben sich nicht weniger vorgenommen als die Produktivität in der Arzneimittelsuche innerhalb weniger Jahre zu verdoppeln. Sie zielen damit nicht nur auf die Entwicklungskosten. Der langwierige Weg vom Gen zum Medikament könnte im Erfolgsfall auch um einiges schneller bewältigt werden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%