Die fünf Weisen
Mitarbeiter brauchen ein Heimatgefühl

Vor etwa einem Jahr hatte ich in einem Unternehmen eine Schlüsselposition in der Produktion zu besetzen. Zwei Manager von Wella waren dafür besonders geeignet. Beide gaben mir jedoch einen Korb. Die Sicherheit ihrer Position bei Wella und das kulturelle Umfeld dort wogen für sie mehr als Karriere und höheres Gehalt anderswo.

HB DÜSSELDORF. Kürzlich riefen mich beide Manager an und fragten nach der damaligen Stelle - jetzt hätten sie Interesse daran. Auch von anderen Führungskräften aus dem Wella-Konzern erhielt ich spontane Anrufe. Was war in diesem einen Jahr geschehen? Wella war von Procter & Gamble übernommen worden, und die US-Gesellschafter hatten alsbald - trotz gegenteiliger Ankündigungen - mit der kompletten Eingliederung von Wella in ihren durch amerikanische Unternehmenskultur geprägten Konzern begonnen.

Auch beim aufgespaltenen Chemieriesen Hoechst ist mit dem Gesellschafterwechsel für die Masse der Führungskräfte etwas Entscheidendes verloren gegangen: Sie können sich mit dem neuen Unternehmen nicht mehr identifizieren.

In den zurückliegenden Jahren ist in zahlreichen deutschen Konzernen eine Entwicklung eingetreten, die wir eigentlich nur aus der Politikwissenschaft kennen. Der Verlust der Legitimität: Legitim ist ein Staat dann, wenn er von einem ausreichend großen Teil seiner Bürger als anerkennungswürdig angesehen wird. Die Bürger müssen den Staat als den ihren ansehen, damit er funktioniert. Zwar sind Staat und Unternehmen nicht gleichzusetzen, doch müssen sich auch Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen identifizieren können.

Sicherlich steht für eine Führungskraft ihre konkrete Aufgabe im Vordergrund. Aber diese Sacharbeit ist immer in ein Unternehmen eingebettet, welches Inhalte und Ziele aufzeigt - und diese machen letztlich seine Anerkennungswürdigkeit aus. Häufige abrupte Strategiewechsel verhindern, dass Führungskräfte sich mit ihrem Unternehmen identifizieren können. Der Aufbau von Legitimität und Loyalität wird verhindert. In den Unternehmen, die in kürzester Zeit an immer neue Gesellschafter veräußert und in immer neue Konzernstrukturen eingebaut worden sind, wird für die Mitarbeiter das "Heimatgefühl" regelrecht zertrümmert.

Auch die arg durchgeschüttelte Deutsche Bank war für die meisten ehemaligen Mitarbeiter eine berufliche Heimat, weshalb kürzlich einige von ihnen - einmalig in der deutschen Bankenlandschaft - einen privaten Alumniverein gegründet haben. Im theoretischen Orientierungsgerüst von Unternehmensberatern kommen indes Begriffe wie Legitimität oder gar Heimat nicht vor. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Zerstörung von Firmen kann eine schöpferische Kraft innewohnen. Eine funktionierende Marktwirtschaft benötigt den Auf- und den Abstieg von Unternehmen.

Der Legitimitätsverlust in einzelnen Unternehmen trifft deshalb die Volkswirtschaft nicht, ja er ist sogar eines ihrer Fermente. Tritt er jedoch massenhaft auf, dann prägt er eine breite Stimmungslage. Eine positive Grundstimmung ist aber die psychologische Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Gegen schlechte Stimmung helfen auch keine Kredite.

Jedes Unternehmen bewegt sich stets innerhalb des Spannungsverhältnisses zwischen Identifikation und Abstoßung durch die Mitarbeiter. Diese können ebenso durch Gleichgültigkeit abstumpfen - entweder durch mangelnde Nähe zum Unternehmen oder durch totale Identifizierung bzw. das Gefühl völliger Sicherheit. In der Regel bleibt zuerst die Kreativität auf der Strecke. Dies alles lässt sich zwar nicht durch eine betriebliche Kennziffer messen - deshalb taucht der "weiche" Erfolgsfaktor Legitimität in der Betriebswirtschaft auch nicht auf - aber er wirkt trotzdem.

* Klaus Leciejewski ist Chef der Personalberatung KDL-Consulting in Köln.

Nächste Woche lesen Sie einen Beitrag von Jörg Will über die Darstellung von Führungsfähigkeit.

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