Die Fünf Weisen
Was fehlt, ist menschliche Wärme

Das Ergebnis der letzten Mitarbeiterbefragung ist eindeutig: "Die Mitarbeiter fühlen sich zu wenig gelobt. Unsere Führungskräfte geizen mit Anerkennung." Kein Zweifel, da fehlt etwas. Aber was?

Fragt man nach, spricht man direkt mit den Menschen, dann wandelt sich das Bild. Es ist nicht das Lob, das fehlt. Was fehlt, ist menschliche Wärme. Es gibt ein Kontaktdefizit. Vermisst werden Zuwendung, Aufmerksamkeit, ehrliches Interesse - am Menschen, nicht am Produktivfaktor Mensch. Für diese Form der unbedingten, nicht an Vorleistung geknüpften Zuwendung fehlt aber eine Sprachmünze. Und so wählen sie irrigerweise das Lob - das Wort für die bedingte, an Vorleistung geknüpfte Zuwendung. Was viele Führungskräfte erleichtert aufatmen lässt. Ist das Lob doch ein wohlfeiles Führungsinstrument - das kann man trainieren. Das hält die Menschen fern, das betont das hierarchische Gefälle. Haben unsere Führungskräfte eine Sozialallergie?

Der Globe-Forschungsverbund untersucht seit Jahren das Selbstverständnis der Führungseliten in 62 Ländern und korreliert es mit ihrer volkswirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Kulturelle Einflüsse und Mentalitäten spielen dabei eine große Rolle. Nach diesen Befunden ist die Aufgabenorientierung deutscher Führungskräfte vorbildlich. Hingegen belegt Deutschland bei der Humanorientierung den vorletzten Platz: Fairness, Fürsorge, Höflichkeit und Großzügigkeit seien in deutschen Organisationen dramatisch unterentwickelt. Das passt zu der Erfahrung vieler ausländischer Manager, die in deutschen Betrieben gearbeitet haben: Unisono berichten sie von menschlich kalten Beziehungen, respektlosen Umgangsformen und einer verletzenden Direktheit. Das ist der eine Befund. Den anderen gibt uns der Human Development Index der Uno. Er sagt, dass Deutschland mit Blick auf eine technisch realisierte Humanorientierung - Mitbestimmung, Kündigungsschutz, Sozialsysteme - im Vergleich der größten Volkswirtschaften einen der vordersten Plätze einnimmt.

Ein Widerspruch? Keine Menschlichkeit oder zu viel Menschlichkeit - was gilt? Nein, kein Widerspruch. Das eine folgt aus dem anderen. Denn das scheinbare Paradox einer hohen institutionalisierten und gleichzeitig geringen interpersonalen Menschlichkeit löst sich auf, wenn man die Wirkungen betrachtet. Menschlichkeit ist zu einer Sache der Institutionen geworden - in den Unternehmen und in Deutschland insgesamt. Wir haben das Humane an Systeme abgetreten, an Führungsinstrumente, an die große, flächendeckende Lösung. Und damit abgeschafft. Die Fähigkeit, Menschlichkeit im direkten Umgang täglich zu leben, haben wir durch unseren instrumentellen Scharfsinn verloren oder gar nicht erst entwickelt. Wir begegnen uns nicht mehr persönlich, stehen als Individuen kaum mehr Individuen gegenüber, sondern zwischen uns stehen Instrumente, unsere Begegnung erschöpft sich in instrumenteller Wechselbeziehung. Das dann Fehlende versucht man über Appelle und Anreize rückzubauen.

Wie aber passen personenbezogene Führung und Ergebniserfordernisse zusammen? Dafür gibt es nur eine Antwort: Kümmere dich um die Menschen, dann kümmern sich die Ergebnisse um sich selbst. Und auf diesem Weg gibt es wiederum nur eine Methode: das Gespräch. Nicht das instrumentalisierte jährliche Mitarbeitergespräch, nicht die Leistungsbeurteilung, nicht die Zielvereinbarung. Nein, das Gespräch in Permanenz. Das Gespräch als Begegnung von Erwachsenen. Offen, fair und radikal subjektiv. Ein klarer, direkter Austausch, Begegnung auf Augenhöhe, als Leistungspartner. Das ist es auch, was das Lebenselixier des modernen Unternehmens wahrt: Vertrauen. Wenn Führungskräfte ihren Mitarbeitern in die Augen schauen, müssen sie ihnen weniger auf die Finger schauen. Verlernt haben wir das Wichtigste: die Begegnung.

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