Die fünf Weisen
Wissen Sie, wie viele Leute Sie führen?

In den Unternehmen entwickelt sich eine moderne Form der Isolationshaft: Immer mehr Chefs kümmern sich immer weniger um ihre Mitarbeiter. "Wie viele Mitarbeiter berichten an Sie?", wollte ich unlängst von einem Bereichsleiter wissen. Die Antwort: "Das kann ich Ihnen nicht genau sagen." Die Frage, was er unter Leiten versteht, habe ich ihm erspart. Das ist die Tragik vielerorts: Jemand ist Bereichsleiter und weiß nicht, wen er leitet.

In einer anderen Firma wurden nach der Neuausrichtung der Arbeitszeit - Vertrauensarbeitszeit statt Zeitkonto - Führungskräfte gefragt, ob die noch genauso viel leisten. Dasselbe Dilemma. Es gab tatsächlich Führungskräfte, die "ich weiß es nicht" sagten. Wenn sie das nicht einmal wissen, was wissen sie denn sonst noch alles nicht über ihre Mitarbeiter?

Solche Chefs werfen täglich Fragen nach ihrer Existenzberechtigung auf. Die Zahl der Führungskräfte, die sich trotz vieler Seminare und laufender Meter Managementliteratur im Regal keine Gedanken um ihre Führungsbeziehung machen, hat in den letzten zwei Jahren zugenommen. Management-Guru Peter Drucker rät: "Wenn du wissen willst, was in deinem Unternehmen verbessert werden kann, frage deine Mitarbeiter." Ich ergänze: Frage sie vor allem, wenn du wissen willst, was du selbst verbessern kannst.

Führung ist eine groß angelegte Aufgabe, die sich nicht mit dem engen Blick auf Zahlen und Statistiken bewältigen lässt. Kennzahlen dürfen Mitarbeiter nicht unkenntlich machen. Gleichwohl kann man die meisten Chefs geradezu damit erschüttern, wenn man sie an ihre Führungsaufgabe erinnert. Führungskräfte konzentrieren sich heute zu wenig auf die Entdeckung von Potenzialen und die Entschlüsselung von Motivation oder Triebkraft. Sie bedienen stattdessen den Vorstand oder Aufsichtsrat mit Erklärungen über Phänomene, die keine wären, wenn man einfach auf die Menschen zuginge, um sie zu offenen Äußerungen ihrer Gedanken, Befürchtungen, Ideen und Bedürfnisse zu ermuntern.

Wenn ich dagegen umgekehrt Mitarbeiter über ihren Chef befrage, bekomme ich sofort ausführliche Auskünfte. Mit Argusaugen werden Chefs beobachtet, mit der Zunge in Kantinen und Firmenbistros seziert. Etwa dass er ein Hardliner oder ein Softie ist, bei welchen Gelegenheiten er seine eigenen Maßstäbe verletzt oder - umgekehrt - höhere an sich als an seine Mitarbeiter stellt. Sie wissen, wann er ausrastet, wie er zu umgarnen ist und in welchen Situationen er in Verlegenheit kommt. Mitarbeiter bauen immer eine Beziehung zu ihrem Chef auf. Sie sehen alles, bewerten alles, fordern Gerechtigkeit und direkte Führung. Erfüllen Chefs diese Erwartungen nicht, ziehen sie sich immer mehr zurück.

Der allmorgendliche Weg zur Firma führt in so manchem Fall denn auch unmittelbar in das Lager des Feindes. Nämlich dann, wenn der Chef sein Spiel verspielt hat. Mit schwierigen Kollegen gehen Mitarbeiter leichter um, als mit einem Chef, der unerträglich ist. Solche Chefs richten bei den Mitarbeitern viel an und so gut wie nichts aus. Eine Studie des Gallup-Instituts wies nach: Mitarbeiter, die freiwillig die Firma verlassen, kündigen wegen des Chefs, nicht wegen der Firma. Denn Mitarbeiter arbeiten mehr für ihren Chef als für ihre Firma. Das haben viele Chefs bis heute nicht begriffen. Mitarbeiter legen sich für ihn ins Zeug und konzentrieren ihre ganze Leistung darauf, von ihm gesehen und anerkannt zu werden. Oder sie verzweifeln an ihm, weil sie sich nicht oder falsch verstanden fühlen. Den juristischen Vertrag unterschreibt der Mitarbeiter bei der Firma. Den psychologischen bei seiner Führungskraft. "Druck macht aus Kohle Diamanten", denkt sich so mancher Chef und fordert, ohne zu fördern. Dabei übersieht er, dass er in Minuten etwas haben will, wozu die Natur Jahrtausende brauchte.

Nächste Woche: Management-Coach Reiner Neumann über das Dilemma mit den Präsentationen.

Wolfgang Saamann ist Unternehmensberater von Saamann Consultants AG

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%