Die Galeries Lafayette sind Teil der Pariser Stadtgeschichte
Jean-Michel Hallez: Das Gesicht der Eleganz

Jean-Michel Hallez, Leiter des Pariser Nobelkaufhaus Galeries Lafayette, ist gleichzeitig moderner Top-Manager und Bewahrer einer langen Tradition.

Mitte Januar in Paris erobert der Kommerz die Straße. Während des zehn Tage dauernden Winterschlussverkaufs, den "Soldes", darf er aus den erleuchteten Schaufenstern herausschwappen auf die Avenues und Boulevards. Darf in schreienden Lettern erschöpfte Japaner zum Kauf von noch einem Hut, noch einem Parfum verführen, sich in langen Menschentrauben vor den begehrtesten Boutiquen drängen. Und darf - eingepackt in überdimensionale Tüten - in und um die Grands Magasins, die großen Pariser Kaufhäuser, spazieren gehen. Nicht wenige dieser Tüten tragen den schwarz-roten Schriftzug des größten der Grands Magasins, der Galeries Lafayette.

Fast unberührt von dem Chaos scheint Kaufhausleiter Jean-Michel Hallez. Dabei ist der agile Geschäftsmann mit dem eisgrauen Haar nicht nur verantwortlich für 3 000 Angestellte und rund 60 000 Quadratmeter Verkaufsfläche am Boulevard Haussmann, sondern auch Gesicht und Aushängeschild eines der traditionsreichsten französischen Familienunternehmen. Insgesamt 60 Kaufhäuser in ganz Frankreich und die neu eröffnete Filiale in Berlin firmieren heute unter dem Namen "Galeries Lafayette".

Haus in Paris ist das Maß aller Dinge

Doch keines der anderen Häuser reicht auch nur ansatzweise an das Konsumparadies am Boulevard Haussmann heran. Rund 40 Prozent des Konzernumsatzes werden in Paris erwirtschaftet. Fast fünf Milliarden Francs haben die Kunden im vergangenen Jahr dort allein für Waren gelassen. Dazu kommt der Erlös aus Restaurants, Reisebüros und anderen Dienstleistungen, insgesamt noch einmal knapp 500 Millionen Francs. Damit übertreffen die Galeries all ihre europäischen Konkurrenten: Bei Harrods in London sind, so Hallez, im letzten Jahr Artikel für 3,7 Milliarden Francs über die Theken gegangen. Das Berliner KaDeWe setzte 3,1 Milliarden Francs um. Und beim zweiten Grand Magasin, dem Pariser Kaufhaus Printemps, waren es "nur" rund 3,1 Milliarden Francs.

Im Schatten der Pariser Oper geht es für den Kaufhausleiter aber um mehr als Umsatz und Gewinn. "Wir wollen Mode verkaufen, natürlich. Aber wir wollen auch Mode machen", sagt Hallez. Ganz gezielt holt er sich junge Künstler, die ihre ersten eigenen Kreationen unter der Kuppel seines Hauses anbieten dürfen. Für Emmanuelle Vega vom Marktforschungsinstitut Siac ist dies eines der wichtigsten Erfolgsgeheimnisse der Galeries: "Ständig sind sie auf der Suche nach dem Allerneuesten. Sie geben sich niemals mit dem zufrieden, was sie erreicht haben", sagt sie. Zudem gelte: Wem die Galeries Lafayette Verkaufsfläche einräumen, der bleibt nicht lange jung und unbekannt. Eine ganze Reihe von Mitgliedern jener engen Pariser Familie von Modezaren ist in den Galeries groß geworden. Der Vorteil: Auch später bleibt dem Kaufhaus dadurch der Zugang zur Haute Couture erhalten. Verständlich, dass auch die Medien besonders gerne über den prominenten Direktor berichten. "Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, im Blickpunkt zu stehen", bemerkt er und zieht gleich ein paar Fotos aus der Schreibtischschublade. Geschäft ist Geschäft. "Hallez gilt in der Branche als überaus professionell", stellt auch Olivier Costil vom Einzelhandelsfachblatt "Libre Service Actualités" fest.

Das Privatleben hatte stets zu leiden

Der 51-jährige Hallez hatte genug Zeit, sich an seine Aufgaben zu gewöhnen. Gleich nach der Ausbildung bei der Pariser Handelskammer fängt er in der Pariser Zentrale der Galeries Lafayette an, wächst im und mit dem Unternehmen. Mit Mitte 20 ist er Einkäufer für den Bereich Asien bei der Supermarktkette Monoprix, einer Tochter der Galeries. Das bedeutet vor allem lange Reisen, mindestens sechs Monate im Jahr.

Ein zu unstetes Leben für die Familie: "Wenn ich nach Wochen wieder zurückkam, ist es mir schwer gefallen, mich wieder in den Alltag meiner Kinder zu integrieren." Die erste Ehe scheitert, er widmet sich ganz der Karriere und wird 1995 Kaufhausleiter am Boulevard Haussmann. Die zweite Ehe verbindet ihn auch privat mit dem Familienunternehmen: Vor der Geburt der dreijährigen Tochter leitete seine neue Frau den Hochzeits-Service der Galeries. Jetzt versucht Hallez, mehr Ausgleich zwischen Arbeit und Familie zu schaffen, nicht leicht bei einer Sechs-Tage- und 60-Stunden-Woche.

Repräsentative Pflichten, die Auftritte in den Medien, machen die Woche nicht kürzer. Für Marketing und Image des Konzerns ist Jean-Michel Hallez wichtiger als alle seine Kollegen zusammen, er sitzt in der Führungsetage des Konzerns gleichberechtigt neben dem Verantwortlichen für alle anderen Filialen. Denn er ist der lebendige Ausdruck dessen, was am Boulevard Haussmann jede Marmorplatte, jedes ziselierte Geländer in vollen Zügen atmet: Reichtum, Luxus, Größe und Eleganz. Kaum ein Lächeln verzieht die ernsthafte, fast unfranzösisch professionell-kühle Miene des Kaufhausleiters. Groß geworden im Unternehmen hat er den Charakter der Firma zu seinem eigenen gemacht.

Die Galeries sind Teil der Stadtgeschichte

Der Charakter der Galeries: Nach Ansicht von Emmanuelle Vega ist er untrennbar mit der Hauptstadt verbunden. Und umgekehrt: "Die Galeries sind Teil der Stadtgeschichte, sie verkörpern das klassische Paris. Die Kuppel ihres Gebäudes ist eine unserer wichtigsten Sehenswürdigkeiten." Irgendwann stoße jeder Besucher auf dieses Jugendstil-Wunderwerk aus Blei und Glas. Für die Galeries bedeutet "La Coupole" die Krönung ihres Bildes von Stil mit Tradition. Imagepflege heißt auch: Pflege des Pariser Hauses. Rund 100 Millionen Francs investiert der Konzern jährlich in Umbau und Instandhaltung.

Mit Erfolg: "Die Leute kommen, um die Kuppel zu sehen", sagt Expertin Vega, "und gehen mit einem Paket der Galeries wieder weg." Etwas mehr als ein Drittel aller Kunden am Boulevard Haussmann sind Nicht-Franzosen. Mit einem durchschnittlichen Warenkorb von 2 600 Francs stellen die Japaner die kaufkräftigste Gruppe, weit abgeschlagen dagegen die Deutschen. Sie lassen gerade mal 1 100 Francs im Geschäft, achten, so Hallez, bei Kleidung weniger auf Stil und kaufen hauptsächlich Accessoires und Einrichtungsgegenstände. Trotzdem: Den durchschnittlichen französischen Einkaufskorb von 700 Francs übertreffen sie alle.

Ganz gezielt wirbt Hallez daher um die ausländische Klientel: "In fast allen Ländern der Welt werden bei den Reiseveranstaltern Stadtpläne und Prospekte unseres Hauses an Paris-Touristen verteilt", berichtet er. Am Boulevard Haussmann kümmern sich Hostessen um die "Gäste". Sie beherrschen fast zwei Dutzend verschiedene Sprachen, beraten und helfen bei der Auswahl.

Hallez setzt auf den Ausbau der Serviceleistungen

Die Beliebtheit bei den "Etrangers", den Ausländern, habe das Kaufhaus allerdings auch einer Verwechslung zu verdanken, gibt Hallez zu: "Gerade viele Amerikaner glauben, dass die Firma im Besitz der Nachfahren der Familie des Generals Lafayette ist und kommen wegen des Namens." Lafayette kämpfte Ende des 18. Jahrhunderts als enger Vertrauter von George Washington für die amerikanische Unabhängigkeit. Mit dem Unternehmen haben er oder seine Urenkel allerdings rein gar nichts zu tun.

Zum Ausruhen benutzt Hallez diesen Pluspunkt denn auch nicht. Er setzt vor allem auf den Ausbau der Serviceleistungen. Seit 1999 wird dafür das Haus von Kopf bis Fuß neu geordnet, im nächsten Jahr soll der Umbau abgeschlossen sein. Dann ergänzt ein Weinkeller das Bild von Eleganz mit gutem Geschmack, ein Friseur im Herrenmodebereich sorgt für die richtige Frisur. Schon jetzt beraten Angestellte der Galeries Kunden bei der Inneneinrichtung, ganze Hochzeiten wickelt das Geschäft ab. "Seit Beginn der 90er Jahre fallen die Galeries immer wieder durch originelle Konzepte und Ideen auf", hat LSA-Fachmann Costil beobachtet. Die Konkurrenz werde zum Nachfolgen gezwungen, meint Emmanuelle Vega. Zudem hätte das Unternehmen seine Kostenstruktur in den letzten Jahren verbessert, urteilt eine Finanz-Analystin. In einer schwächeren Volkswirtschaft stünden die Galeries besser da als die Konkurrenz.

Die Konkurrenz, die heißt in diesem Fall vor allem Printemps, das Nobel-Kaufhaus auf der anderen Straßenseite. Jean-Michel Hallez hat sich die Umsatzkurve des Konkurrenten in sein Büro gehängt und die wichtigsten Punkte mit gelbem Leuchtstift hervorgehoben. Mal unter, mal übereinander laufen die Linien der beiden Häuser in den 70er und frühen 80er Jahren. Steil nach oben geht die Linie der Galeries vor allem in den 90ern - mittlerweile ist der Umsatzabstand zu Printemps auf über 40 Prozent gewachsen.

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