Die Gastgeber warten auf den ersten Triumph eines Lokalmatadors seit 1936
In Wimbledon mutiert der brave Brite zu „Tiger Tim“

Auf den Rängen schwenkten die "Henmaniacs" glückselig die Union-Jack-Flaggen, als Timothy Henry Henman noch einmal langsam, fast wie in Trance, zurück auf den Rasen von Court Eins schlurfte. An einem seiner schwächsten Wimbledon-Tage seit Jahren hatte der Brite allen Grund, höheren Mächten für die glückliche Wendung des Schicksals zu danken.

LONDON. Und so schickte der erleichterte Tennis-Überlebenskünstler mit geballten Fäusten ein dankbares Stoßgebet zum Himmel: "Ich weiß nicht, wie ich gewonnen habe und warum ich noch im Turnier bin", sagte er nach seinem dramatischen 7:6, 6:7, 4:6, 6:3, 6:2-Sieg über den Schweizer Außenseiter Michel Kratochvil. Nur knapp entkam Henman, dem der öffentliche Erwartungsdruck sichtlich schwer auf den schmalen Schultern lastete, dem nächsten Favoriten-Knockout in einem Turnier, in dem nichts mehr unmöglich ist.

Erst angstvoll, dann voller Stolz verfolgten Millionen Briten an ihren Fernsehern, wie ihr Tennis-Held am Montagabend vier Stunden und 13 Minuten lang eine mehr als wunderliche Show in London SW 19 lieferte. Wie er zwischen Welt- und Kreisklasse wild hin und her schwankte, wie er sich durch einen Regenstopp und akute Magenschmerzen schließlich zum Triumph quälte, wie er vom braven Briten zum "Tiger Tim" mutierte.

Jetzt kommt es auf dem heiligen Rasen - wie vor knapp zwei Wochen beim Fußballfest in Fernost - zu einem englisch-brasilianischen Viertelfinale, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Gegen Andre Sa, die Nummer 90 der Weltrangliste, ist Henman haushoher Favorit, obwohl der Südamerikaner selbstbewusst auftritt: "Der WM-Sieg und Ronaldos Tore waren eine Rieseninspiration für mich. Ich glaube, ich kann jetzt ein Wunder schaffen."

Doch selbst wenn Henman wie erwartet bezwingen sollte, muss er sich gewaltig steigern, denn im Halbfinale könnte er auf Weltmeister Lleyton Hewitt treffen. Von der Glanzform, die Henman im letzten Jahr hochklassige Matches gegen Todd Martin im Achtel- und gegen Roger Federer im Viertelfinale gewinnen ließ, ist der Brite bei seinem siebten ernsthaften Anlauf in "Timbledon" weit entfernt. "Er spielt mittelmäßig und ganz und gar nicht überzeugend", befand der scharfzüngige Australier Pat Cash im Kultprogramm "Today at Wimbledon". Der Champion des Jahres 1997 bot den amüsierten Zuschauern sogar eine Wette an: Falls Henman tatsächlich als erster heimischer Star nach Fred Perry 1936 gewinne, werde er die Sonntagabend-Sendung mit einem kurzen Tennisröckchen moderieren. Auch Cashs alter Weggefährte John McEnroe zeigte sich "leicht entsetzt" über das Niveau von Henmans Spiel: "Hewitt wird ihn vernichten, wenn er sich nicht steigert. Er wird leichte Beute sein."

Angesichts der schwachen Leistung sei es unglaublich, dass Henman noch dabei sei, schrieb auch die "Sun": "Agassi raus, Sampras raus, wenn Du es jetzt nicht schaffst, dann nie." Doch gerade die verlockende Aussicht auf den ersten Sieg daheim in Wimbledon und die Ansprüche von Fans und Medien nach dem Favoritensterben lähmen den Begründer der "Henmania". "Es scheint", so McEnroe, "als würde er unter der Last des ganzen Königreichs zusammenbrechen."

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