Die große Katze soll verdienen, was die kleinen verspielen
Jaguar hofft auf den XJ

Alle Hoffnungen bei Jaguar ruhen auf dem neuen Luxusliner XJ. Ansonsten sieht es nicht gut aus bei der britischen Nobelmarke. Der X-Type-Nachfolger ist in Frage gestellt, der Roadster F-Type inzwischen gestrichen.

HB DÜSSELDORF. "Der neue XJ passt perfekt zu unserem Wappentier, der springenden Raubkatze", findet Jaguar-Chef Bob Dover. Zurück zu den Wurzeln und damit auf den Pfad des Erfolgs will Jaguar mit der neuen großen Luxuslimousine. Große Erwartungen werden in Großbritannien und auch bei der amerikanischen Mutter Ford in die neue Baureihe gesetzt, die im Frühjahr 2003 auf dem Markt kommt.

Auf den ersten Blick ist der neue XJ seinem Vorgänger wie aus dem Gesicht geschnitten. Erst auf den zweiten Blick wird der filigrane Dachaufsatz bemerkt, der nun viel harmonischer zum unteren Teil der Karosserie passt. Dank der sehr schmalen Fenstersäulen wirkt der XJ fast wie ein viertüriges Coupé. Allerdings ist der neue große Raubkatze insgesamt sehr konservativ geraten. Chefdesigner Ian Callum hat bewusst auf Experimente verzichtet und sich bei dem Entwurf an dem berühmten XJ6 aus dem Jahr 1968 orientiert. So protzt die Basisversion mit reichlich Chrom. Erst die sportlicheren XJR-Versionen verzichten auf derartige Auffälligkeiten. Sie reduzieren ihr Erscheinungsbild wieder auf die reine Form der "Katze": Geschmeidig und sprungbereit mit einer Ästhetik, die den Ruf von Jaguar mitbegründet hat.

Format der Mercedes S-Klasse

Obwohl im Format auf dem Niveau der Mercedes S-Klasse, wiegt der Jaguar mit seinen 1760 kg etwa so viel wie der neue Audi A8. Nach dessen Vorbild wurde der XJ ganz aus Aluminium gefertigt, was seine Karosserie steifer und den Wagen handlicher macht. Unter dem Alukleid schlägt das Herz eines 395 PS starken V8-Motors mit Kompressor, der dem XJ zu standesgemäßen Fahrleistungen verhelfen dürfte. Aber mit einem prestigeträchtigen Zwölfzylinder, einst weltweit exklusiv bei Jaguar und heute im Programm aller deutschen Wettbewerber (von Mercedes bis VW), können die Briten nicht aufwarten.

Im Innenraum dagegen wurde des Guten zu viel getan. Britische Klubatmosphäre mit gediegenem Leder und Holz sind selbstverständlich für einen Luxus-Jaguar. Aber ein Armaturenbrett nahezu komplett aus Wurzelholz? Das wirkt übertrieben.

Nach dem Weggang von Wolfgang Reitzle als Chef der Premier Automotive Group (PAG) von Ford verliert Jaguar, einst Führungsmarke der PAG, immer mehr an Glanz. Eingefleischte Liebhaber dieser so noblen britischen Traditionsmarke rümpften schon beim S-Type die Nase, stammt doch seine Bodengruppe von einem amerikanischen Lincoln ab.

Das gelungene Design versöhnt

Doch das gelungene Design versöhnte die S-Type-Käufer schließlich wieder. Skeptisch reagierte die Stammkundschaft jedoch, als es darum ging, mit einem kleinen Jaguar auf Ford-Mondeo-Basis das Modellprogramm nach unten auszuweiten. Nur solange Reitzle versprach, dass der X-Type ein knallharter Konkurrent von 3er-BMW und Mercedes C-Klasse werde, ließ sich die Fangemeinde beruhigen.

Nun aber sieht alles ganz anders aus - schlechter nämlich, sowohl für Jaguar als auch für die PAG. Der kleine Jaguar wird in Europa weit weniger gekauft, als erwartet. Junge Leute, die ursprünglich ins Auge gefasste Zielgruppe, fühlen sich vom X-Type überhaupt nicht angesprochen. Frontantrieb und Motoren von Ford sind dem Image der Marke nicht gerade dienlich. Statt dynamischer Menschen unter 40 sitzen vornehmlich Rentner am Steuer, die sich nun endlich einen Jaguar leisten können.

Der sportliche Schwung ist dahin

Der sportliche Schwung, den der X-Type Jaguar bescheren sollte, ist dahin. Die dazu notwendigen Versionen, wie etwa eine leistungsstarke R-Variante, sind bereits gestrichen. Anstatt die Reihe dynamisch auszubauen, kommt als nächster Motor ein müder Vierzylinder-Diesel aus dem Ford Mondeo zum Einsatz. Die Geduld auf einen V6-Diesel zu warten, der gemeinsam mit Peugeot entwickelt wird, wollte Jaguar-Chef Bob Dover nicht aufbringen.

Dover, der neben den Geschäften von Land Rover nun auch die Geschäfte bei Jaguar führt, wurde von der Muttergesellschaft Ford zu einem strengen Kostenmanagement verdonnert. So trägt Dover sich ernsthaft mit dem Gedanken, keinen Nachfolger für den X-Type mehr entwickeln zu lassen. Aus Kostengründen platzten inzwischen weitere Jaguar-Projekte, die noch unter Reitzle hohe Priorität genossen. Der Roadster F-Type, eine Kombiversion des S-Type und die Entwicklung eines Zwölfzylinder-Motors für das Flaggschiff der Marke sind ebenfalls gestorben. Und damit wohl auch das Absatzziel von 200 000 Automobilen pro Jahr.

Die Preise für den neuen XJ werden sich wohl auf dem Niveau der Wettbewerber bewegen. Und es mehren sich die Anzeichen, dass bei der britischen Nobelmarke erkannt ist, wo ihr Hauptbetätigungsfeld liegt, nämlich in den exklusiven Zirkeln des automobilen Oberhauses und nicht in den Niederungen der Ford-Verwandtschaft. Der aristokratische Name Jaguar steckt enge Grenzen. Das Programm ist nicht wie bei anderen Marken endlos dehnbar.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%