Die Gunst der Stunde gehört festverzinslichen Wertpapieren von Unternehmen mit guter Bonität
Analyse: Die Europäische Zentralbank setzt das richtige Signal

Es kam, wie es kommen musste. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Zinsen gesenkt. Und das ist gut so. Leisten kann sich die Notenbank den Schritt allemal. Die Inflation als das entscheidende Element der europäischen Geldpolitik befindet sich auf dem Weg unter die Marke von zwei Prozent. Deshalb konnte es in der jetzigen Situation keine andere Entscheidung geben. In Frage stand nur die Höhe der Zinssenkung. Mit einem halben Prozentpunkt hat die EZB nun kräftig gelockert. Das ist völlig in Ordnung.

Auch wenn sich die Aussagen von EZB-Chef Duisenberg anders deuten lassen: Der weiter vorhandene geldpolitische Spielraum reicht aus, um die Zinsen in diesem oder im nächsten Jahr erneut zu senken. Angesichts der derzeitigen Lage der Wirtschaft in Europa und weltweit wird daran wohl kein Weg vorbeiführen. Nicht ohne Grund haben neben der EZB auch die Bank of England und die amerikanische Notenbank Fed ihre Schlüsselzinsen gestern und am Dienstag in gleichem Umfang gesenkt. Das macht deutlich: Die Angst geht um. Angst haben die Zentralbanker vor einer Rezession. Sie soll mit Hilfe der kräftigen Lockerungen verhindert werden.

Zugleich zeigen sich die Zentralbanker als einfühlsame Psychologen. Denn Psychologie spielt in der jetzigen Phase der Unsicherheit eine weitaus größere Rolle als in normalen Zeiten. Verständlich. Niemand weiß, wann die nächsten Anschläge die Welt schocken werden. Auch die Kosten des Kampfes gegen den Terror lassen sich momentan nicht abschätzen. Das ist schlecht für die Weltwirtschaft und die Kapitalmärkte. Alle Prognosen von heute können morgen bereits wieder Makulatur sein. Die Zinssenkungen zeigen aber, dass die Notenbanken um die Gefahren wissen und bereit sind, rechtzeitig zu reagieren - auch die EZB.

Keine Euphorie an der Börse

An der Börse kam nach der geldpolitischen Lockerung der Euro-Bank keine Euphorie auf. Das verwundert allerdings nicht. Im Vorfeld der EZB-Sitzung hatten Anleger die Entscheidung bereits vorweggenommen und Aktien gekauft. Dennoch hat die EZB mit ihrer Entscheidung generell etwas für den Markt getan. Zwar bevorzugen viele Anleger derzeit kurzfristige geldmarktnahe Wertpapiere. Doch wird ihnen das Parken künftig schwerer fallen. Denn nach Abzug der Inflationsrate bleibt nur noch eine sehr magere Rendite übrig. Bis es zu größeren Umschichtungen in Aktien kommen wird, dürfte es dennoch etwas dauern. Dazu ist mehr Zuversicht nötig.

Klare Gewinner sind Anleihen. Schon in den vergangenen Wochen haben viele Anleger verstärkt auf sie gesetzt und sind gut damit gefahren. Seit Jahresbeginn konnte eine knapp zweistellige Rendite erzielt werden. Besonders Staatsanleihen wurden als sicherer Hafen angesteuert. Angesichts der inzwischen sehr niedrigen Renditen, die in der Hoffnung auf erneute Zinsschritte noch weiter fallen sollten, werden sich gerade die Anlageprofis umorientieren.

Die Gunst der Stunde gehört festverzinslichen Wertpapieren von Unternehmen mit guter Bonität. Ihre Anleihen bieten einerseits eine deutlich höhere Rendite als Staatspapiere; die Gesellschaften sind andererseits aber wirtschaftlich so gefestigt, dass der Abschwung sie im Kern nicht treffen kann. Die Wertpapiere verbinden also Solidität mit Attraktivität. Und den Unternehmen bleibt deshalb auch in schwierigen Zeiten der Kapitalmarkt als Refinanzierungsquelle offen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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