Die Haffas haben dazu beigetragen, das Börsensegment nachhaltig zu schädigen
Flucht aus dem Neuen Markt

Die Story klingt noch heute unglaublich: Bereinigt, zu 0,35 Euro Ende Oktober 1997 emittiert, notierten die Papiere des Münchener Filmrechtehändlers EM.TV & Merchandising AG Anfang 2000 bei 115,50 Euro. Ein Plus von über 32 000 % in nicht einmal zweieinhalb Jahren. Unter den vielen jungen und aufstrebenden Wachstumsunternehmen mit sagenhaften Kurszuwächsen gebührte EM.TV damals die Krone. Die Börse feierte den Neuen Markt, und der Neue Markt feierte EM.TV.

FRANKFURT/M. Die Zeiten sind Geschichte. EM.TV belegt in puncto Marktkapitalisierung gerade noch Rang 35, Tendenz fallend. Der Neue Markt selbst sucht nach einem Aderlass von etwa 95 % beim Auswahlindex Nemax 50 nach Orientierung. Von den einstigen Stars sind nicht mehr viele übrig: Brokat, Heyde oder Kabel New Media sind längst insolvent, Intershop oder Lycos Europe sind zum Penny-Stock verkommen.

Längst ist der Neue Markt zur Zwei-Klassen-Gesellschaft geworden. Auf der einen Seite steht die Minderheit der wenigen Unternehmen mit funktionierendem Geschäftsmodell, die den Neuen Markt weiterhin als die einzig mögliche Plattform für ihre innovativen Produkte sieht. Diese Gesellschaften bekennen sich trotz aller gegenwärtigen Imageprobleme zum Wachstumssegment. Erst gestern teilte die SAP SAP-Tochter SI mit, dass sie auch künftig am Neuen Markt verbleiben wird. "Wir gehen davon aus, dass nach dem bereits im Gange befindlichen Bereinigungsprozess überwiegend die Qualitätstitel am Neuen Markt übrig bleiben - ähnlich wie bei der Nasdaq vor einigen Jahren", hieß es gestern vom SAP-SI-Vorstand. Aus diesem Gefühl der eigenen Stärke heraus haben sich bereits Unternehmen wie IDS Scheer, Mühlbauer oder Singulus geäußert. Auch sie setzen auf die Selbstreinigungskräfte des Marktes. Ein gemeinsames Auftreten im Rahmen einer Initiative, die sich an Börse, Banken, Politik und Wirtschaft wendet und dem Neuen Markt als Segment für innovative Unternehmen wieder ein besseres Image verschaffen soll, war zwar schon mehrmals geplant. Zum von vielen so genannten "Aufstand der Anständigen" kam es jedoch bisher nicht.

Die Bereinigung des Marktes ist unterdessen noch immer voll im Gang. Keine Woche vergeht, in der nicht mindestens ein Unternehmen einen Segmentwechsel meldet. Das Ziel ist meist der Geregelte Markt. Dabei stehen Kostengründe im Vordergrund, aber auch die geringere Öffentlichkeit dort kommt vielen Unternehmen gelegen. Unterdessen glauben auch manche etablierte Gesellschaften nicht mehr an einen Imagewandel für den Neuen Markt. Die Bremer Energiekontor AG, mit einem für 2002 erwarteten Umsatz von 138 Mill. Euro und einer Gewinnprognose von 14,1 Mill. Euro gut positioniert, meldete in der vergangenen Woche, am 21. August in den Geregelten Markt wechseln zu wollen. Problematisch sei neben der Vertrauenskrise am Neuen Markt auch die zunehmende Investitionszurückhaltung institutioneller Anleger bei diesen Titeln, hieß es aus dem Energiekontor-Vorstand. Diese Einstellung findet sich inzwischen auch bei Neuemissionen. Die Solar-Fabrik, noch vor kurzem ein potenzieller Kandidat für den Neuen Markt, zog bei ihrem Börsengang Mitte Juli den Geregelten Markt vor. Investoren, hieß es, hätten vom Neuen Markt abgeraten.

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