Die Handelsinteressen mit dem Zweistromland: Russland pokert auch um seine Förderrechte

Die Handelsinteressen mit dem Zweistromland
Russland pokert auch um seine Förderrechte

5 000 Taxis für Bagdad - das ist ein willkommener Auftrag für den russischen Autobauer GAZ. Denn seine "Wolga"-Limousinen sind im Heimatland so unbeliebt, dass außer für diese Großorder die Bänder still stehen. Das marode Unternehmen ist nicht die einzige Firma, die wirtschaftlich auf den Irak setzt: Kreml-Konzerne machen Milliarden im Zweistromland.

MOSKAU. Russland ist im Rahmen des Uno - Sanktionsprogramms "Öl für Lebensmittel" der größte Kunde für irakisches Erdöl - es nimmt ein Drittel der Lieferungen im Gesamtwert von 4 Mrd. $ ab. Dafür gehen in den Irak Waren, die die russische Industrie ansonsten schwer los wird. Vor allem Anlagenbauer und Hersteller von Bohrgerät und Röhren können außerhalb des Irak mit US-Branchenriesen wie Halliburton oder Schlumberger kaum konkurrieren. Russische Behörden und Firmen haben Abkommen für Infrastruktur-Programme im Irak für 40 Mrd. $ in ihren Pipelines.

Doch auch die irakischen Ölquellen selbst wecken Begehrlichkeiten: "Frankreich und Russland haben Ölfirmen und Interessen im Irak", unterstellt der frühere Chef des US-Geheimdienstes CIA, James Woolsey, den beiden Ländern der Anti- Kriegs- Front Eigennutz. Dagegen glaubt die "Washington Post", dass ein Krieg gegen Saddam im Nachhinein vor allem für US-Ölkonzerne äußerst lukrativ werden könnte. Die erkundeten irakischen Ölreserven sind mit 112 Mrd. Barrel die größten außerhalb Saudi-Arabiens - und bislang sind die USA dabei nicht vertreten.

"West-al-Qurna 2" lautet der Lockruf des Geldes: Dieses Ölfeld mit geschätzten Vorkommen von 20 Mrd. Barrel Rohöl sollen bislang der größte russische Ölkonzern Lukoil zu 68,5 %, das staatliche Auslandsölunternehmen Zarubezhneft und der Maschinenbauer Mashinoimport zu je 3,25 % bekommen. Lukoil sieht sich weiter als Rechteinhaber für die Lagerstätte, während der Irak den Vorvertrag jüngst aus politischen Gründen storniert hat. Insgesamt haben russische Ölförderer Verträge über etwa 25 Mrd. Barrel Rohöl. Der weltgrößte Erdgaskonzern, die russische Gazprom, ist zudem starker Konkurrent im Kampf um das 115 Mrd. Kubikmeter große Gasfeld bei Kirkuk.

Die Explorationsabkommen möchte Russland auch nach einem Systemwechsel im Zweistromland behalten. Russlands Ölinteresse am Irak sei aber vielschichtiger, sagt der Chefanalyst der Moskauer Investmentbank UFG, Steven O?Sullivan: "Russland und Irak sind Konkurrenten. Eine Kontrolle der Amerikaner über den Irak hieße steigende irakische Ölförderung und sinkende Weltmarktpreise." Deshalb wolle der Kreml den Finger auf den irakischen Ölquellen haben.

Die USA versuchen derweil seit über einem Jahr, Russland im Irak- Konflikt auf ihre Seite zu ziehen. Das bestätigen russische Diplomaten. Versprochen worden sei, dass Lukoil & Co ihre Abkommen behielten, hieß es beim amerikanisch-russischen Energiedialog in Houston. Hinzu kommen in einer von der US- Denkfabrik Heritage Foundation ausgearbeiteten Strategie ("Bringing Russia into an Anti-Saddam Coalition") weitere Angebote: Die USA sollten beim Pariser Klub der Gläubiger Russlands die etwa 100 Mrd. $ hohen russischen Schulden um 12 % reduzieren lassen. Das wäre genau die Summe, die Saddam Hussein dem Kreml schuldet.

Über Regierungshilfen aber sei Russland - anders als bei früheren Milliarden-Krediten von IWF und Weltbank - nicht mehr zu ködern, glaubt Ronald Nash, Research-Chef des russischen Brokers Renaissance Capital: "Das Land steht heute auf beiden Beinen. Das wichtigste für Russland sind private Auslandsinvestitionen." So hofft der Kreml, dass die Vereinigten Staaten Taiwan, Japan und anderen Kunden von US- Nuklearbrennstäben die Aufbereitung ihres Atommülls in Russland erlauben werden - ein Geschäft, das in den nächsten zehn Jahren 20 Mrd. $ einbringen soll.

"Wir sollten uns deshalb den USA nicht in den Weg stellen", sagte der Moskauer Politologe Wjatscheslaw Nikonow. "Sonst gehen wir beim Wiederaufbau des Iraks leer aus wie in Jugoslawien, wo wir uns gegen die Nato gestellt haben." Dort werden heute keine "Wolgas" mehr verkauft.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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