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Die hohe Kunst der Bilanzpolitik

Die Ideallösung gibt es nicht. Jeder Bilanzstandard hat seine Vor- und Nachteile.

tlu DÜSSELDORF. Anleger und Analysten sind auf zuverlässige Bilanzinformationen angewiesen. Sonst tappen sie bei der fundamentalen Bewertung einer Aktie völlig im Dunkeln. Kein Wunder also, dass der Fall Enron zu einer handfesten Vertrauenskrise an den internationalen Börsen geführt hat. Beim deutschen Versicherungsmakler MLP reichte vor ein paar Wochen nur das Gerücht, dass bei der Bilanzierung von Provisionseinnahmen und Tochterunternehmen nicht alles mit rechten Dingen zugehe, um den Kurs auf Talfahrt zu schicken.

In Deutschland bieten allerdings die konservativen Regeln des Handelsgesetzbuches (HGB) einen gewissen Schutz vor unliebsamen Überraschungen in der Bilanz. Das Grundprinzip dabei ist vereinfacht gesagt: Sämtliche Schulden und Verbindlichkeiten müssen ungeschminkt, das heißt zum gegenwärtigen Wert in der Bilanz auftauchen; Vermögensgegenstände werden dagegen so niedrig wie möglich bewertet. Durch diese vorsichtigen Bilanzansätze sollen vor allem die Gläubiger geschützt werden. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass es sich die Manager vor allem vor dem Fiskus, aber auch vor den Aktionären arm rechnen können. Und über die Jahre hinweg sammeln sich in der Bilanz enorme stille Reserven an - etwa bei Grundstücken und Gebäuden, die nach zehn oder 20 Jahren nur noch mit kleinen Werten in der Bilanz stehen, obwohl der Verkehrswert ein Vielfaches beträgt. Die Kritik der Aktionärsschützer und Bilanzexperten daran: Trifft der Vorstand eine wirtschaftliche Fehlentscheidung, kann er die Sache unauffällig kaschieren, indem er einen Teil der stillen Reserven auflöst.

Eine ganz andere Philosophie als das HGB verfolgen die Standards US-GAAP und IAS. Dort soll der Bilanzleser, knapp gesagt, einen Einblick in die "tatsächliche" Finanz- und Ertragssituation des Unternehmens bekommen. Beide Bilanzierungsstandards gelten deshalb allgemein als anlegerfreundlich - beispielsweise, weil Vermögensgegenstände eher zu Marktpreisen als zu historischen Anschaffungskosten bewertet werden. Die Bildung von stillen Reserven, die faktisch der Kontrolle der Aktionäre entzogen sind, wird somit weitgehend erschwert. Die Nachteile hier: Je nachdem, wie sich die maßgebenden Marktpreise entwicklen, folgen auf Jahre mit üppigen Gewinnen Bilanzen, die tief rot gefärbt sind - beispielsweise, weil, so wie derzeit, hohe Abschreibungen bei Firmenwerten drohen.

Die Frage, welche Standards die besten sind, lässt sich somit kaum beantworten, denn schließlich bieten nicht nur US-GAAP, sondern auch IAS und HGB Freiräume und Schlupflöcher. Spektakuläre Fälle aus der jüngeren Vergangenheit wie Flowtex oder die Schieflage der Bankgesellschaft Berlin beweisen das eindrucksvoll.

Fazit: Wenn nur genügend kriminelle Energie vorhanden ist, lässt sich in jeder Bilanz tricksen - unabhängig von der jeweiligen Rechnungslegung.

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