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Die indische Alternative

Seit einem Jahr erlebt Indien einen Einfall westlicher Vorstandschefs und Spitzenpolitiker wie nie zuvor. Die größte Demokratie der Welt ist wichtig geworden. Fast so wichtig wie China, die größte Diktatur der Welt.

Seit einem Jahr erlebt Indien einen Einfall westlicher Vorstandschefs und Spitzenpolitiker wie nie zuvor. Die größte Demokratie der Welt ist wichtig geworden. Fast so wichtig wie China, die größte Diktatur der Welt. Die nächste große Wachstums-"Story" in Asien. Nach China. Es ist merkwürdig: Gespräche mit Indien-Besuchern gleiten fast zwangsweise auf das Thema Volksrepublik ab. Denn alle schauen mit einer China-Brille auf das Land. Der Blick dadurch gleicht meist dem durch ein Verkleinerungsglas: Indien ist der zweitwichtigste Zukunftsmarkt für den Konzern X, der zweitwichtigste strategische Partner in Asien für Politiker Y, die am zweitschnellsten wachsende große Volkswirtschaft der Welt.

In jüngster Zeit ändert sich das etwas. Eine kleine, aber wachsende Minderheit hat den Optiker gewechselt, oder ist weitsichtig geworden. Auf einmal schauen manche Manager auf Indien durch ein Vergrößerungsglas wie zuvor auf China. Sie übersehen die schäbigen Flughäfen, die Stromausfälle und die verantwortungslosen Politiker auf verantwortungsreichen Posten, die das Wort "Entwicklung" nicht einmal buchstabieren können. Sie sehen ein Land, das wichtiger werden könnte als China, einen Markt mit vielleicht dauerhafterem Wachstum, einen womöglich besserer Standort. Dahinter steht meist die stille Hoffnung, dass sich ein demokratisches Indien als besseres China entpuppen könnte. Warum, darüber spricht niemand "on the record."

"In China braut sich ein Riesenproblem zusammen," tuschelt der Vorstand eines Dax-Konzerns spät in einer von Delhis stickigen Frühsommernächten. Er ist nervös darauf bedacht, dass niemand zuhört und zieht sich immer weiter in die Ecke einer Hotelterrasse zurück. Die knallharten Forderungen nach Technologietransfer bereiten ihm schlaflose Nächte. "Das ist Selbstmord," redet sich der Mann eine Sorge vom Leib, "wir bauen den Chinesen supermoderne Industrien auf, mit denen sie uns schon in ein paar Jahren auf den Weltmärkten fertig machen werden." Wer sich weigert, verliere Aufträge. Das kann sich niemand leisten, denn angesichts stagnierender Märkte in den entwickelten Ländern ist China für Manager wie ihn zum elementaren Wachstums-Faktor geworden. Und auf Wachstum pochen die ("Ach! Viel zu jungen, unerfahrenen") Analysten und die ("Ach! Viel zu gierigen, kurzfristig orientierten") Aktionäre. Leider .

Den Ausschlag zu selbstzerstörerischen Deals, so der Vorstand, gibt eine perfide Logik: Wenn man selbst nicht zustimmt, schließt ein Konkurrent die Lücke. Wie ein Dealer sei China, sagt er. Geschäftsleute macht er süchtig mit ein paar Gratisschüssen Gewinn-Heroin, dann entzieht er die Ware systematisch und treibt den Preis dafür hoch. In Indien hat er dieses Problem nicht. Daher hofft er sehnsüchtig, dass sich das Land zusammenreißt und seine Wachstumsraten auch auf acht oder neun Prozent bekommt. Dann gäbe es einen gleichwertigen Alternativmarkt, und China könne sein Spiel nicht mehr so schamlos betreiben.

Der Topmanager eines zweiten Dax-Unternehmens hat andere Sorgen: Industriespionage. Sein Unternehmen macht keine Konzessionen beim Technologietransfer, verdient in China trotzdem gut, weil es zu seinem Produkt wenig Alternativen gibt, aber der Geheimdienst setzt alle Hebel in Bewegung, um an die Technologie zu kommen. Keinem chinesischen Mitarbeiter sei zu trauen, stöhnt er und investiert lieber in Indien.

Ein oft gehörter Sorgenkomplex dreht sich um das Risiko, Chinas Boom verwelken könne welken oder gar in einem Crash endet wie der Asienkrise 1997. "Das halsbrecherische Wachstum in China kann gar nicht so weitergehen, ohne ein böses Ende zu finden," begründet ein bekannter deutscher Politiker seine Hoffnung auf die indische Alternative. "Außerdem darf es für jeden guten Demokraten mit dem Wachstum in China gar nicht so weiter gehen." Sonst macht die Diktatur ein ideologisches Lieblings-Axiom westlicher Eliten zunichte, nach dem politische Freiheit und freie Märkte zwei Seiten einer Medallie sind.

Und Indien? Kümmert sich nicht um die Hoffnungen seiner neuen Fans und liberalisiert weiter langsamer als China. Das liegt vor allem an den kommunistischen Parteien, die Zünglein an der Waage der Koalitionsregierung spielen. Selbst Indiens Maoisten, für die von China lernen lange siegen lernen hieß, palavern weiter vom Klassenkampf. Premierminister Manmohan Singh musste kürzlich eingestehen, die Wirtschaft könne das Wachstums-Ziel dieses Fünfjahresplans nicht erreichen. Die angestrebten acht Prozent für die Periode bis 2007 seien zu hoch gesteckt. Wahrscheinlich bleibt es also bei sechs, sieben Prozent und ein paar Zerquetschten, wie seit Beginn der Liberalisierungsphase 1991. Nicht schlecht. Aber auch kein vollwertiger Ersatz für Chinas neun Prozent plus.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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