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Die Insel Hans

Eigentlich geht es um ein ernstes Thema - um staatliche Souveränität. Aber manchmal nehmen auch ernste Themen eine Entwicklung, bei der es nicht leicht ist ernst zu bleiben.

Eigentlich geht es um ein ernstes Thema - um staatliche Souveränität. Aber manchmal nehmen auch ernste Themen eine Entwicklung, bei der es nicht leicht ist ernst zu bleiben. So ist es bei der Insel Hans und dem Streit zwischen Kanada und Dänemark, wer denn nun die Hoheitsrechte über diese Insel in der Arktis beanspruchen kann.

Das liegt daran, dass die Insel Hans nun nicht gerade ein einladender Flecken Erde ist. Der öde Fels liegt 1000 Kilometer südlich des Nordpols und ist so unwirtlich, wie man es sich nur denken kann. Nur 1,3 Quadratkilometer groß ist die Insel Hans in der Nares-Straße zwischen dem kanadischen Arktis-Archipel und dem zu Dänemark gehörenden Grönland. Touristen verirren sich nicht auf "Hans Island", wie die Kanadier das Eiland nennen, es sei denn man sieht in Militärangehörigen, die sich durch den eisigen Wind kämpfen, oder Verteidigungsminister "Touristen".

Es war aber keineswegs touristisches Interesse, das Kanadas Verteidigungsminister Bill Graham in der vergangenen Woche veranlasste, auf seinem Trip nach Alert an der Nordspitze der Ellesmere Island, wo Kanada eine Militärbasis unterhält, einen Zwischenstop auf der Insel Hans einzulegen und damit eine neue Runde im arktischen Gezänk um die Insel einzuläuten. Mit dem demonstrativen Akt unterstrich er Kanadas Anspruch: "Unsere ständige Position ist, dass die Insel zu Kanada gehört." Zuvor hatten bereits Militärangehörige die kanadische Fahne gehisst und einen Inukshuk gebaut, eine Steinfigur, die zum Symbol für Kanadas Arktis geworden ist.

Dänemark war darüber alles andere als "amused". Denn Kopenhagen wurde erst nachträglich von Grahams Kurzbesuch auf der Insel informiert. Dänemarks Botschafter in Ottawa, Poul Kristensen, bestätigte, seine Regierung habe dem kanadischen Botschafter in Kopenhagen eine Protestnote überreicht: "Unsere Position ist, dass die Insel dänisches Territorium ist." Und eigentlich, klagt Kopenhagen, sei es doch Gentlemen´s Agreement, bei aller Meinungsunterschiede die jeweils andere Seite vorab zu informieren, wenn solche Machtdemonstrationen geplant sind.

"Kein Öl, keine Mineralien, aber eine Menge Geologie" - so beschreiben salopp die "Nunatsiaq News", die Wochenzeitung der kanadischen Arktis, die steinige Insel. Die Nares-Straße verbindet die Baffin Bay mit dem Nordpolar-Meer und trennt Kanadas Ellesmere Island von Grönland. Ihren Namen hat die Insel vermutlich von einem gewissen Hans Hendrik, einem Grönländer, der im 19. Jahrhundert als Übersetzer an Expeditionen teilnahm. Als 1973 durch einen UN-Vertrag die Grenze zwischen Dänemark und Kanada festgeschrieben wurde, blieb ein kleines Seegebiet von wenigen 100 Meter Durchmesser unberührt. Genau dort liegt die Insel Hans.

Seitdem hissen dort beide Seiten immer wieder provokativ ihre Flaggen. 1988 errichtete die Besatzung eines dänischen Kutters einen Fahnenmast und hinterließ die Landesflagge im arktischen Wind. In 2001 waren es zwei kanadische Geologen, die bei der Vermessung der kanadischen Arktis einen Zwischenstopp auf der Insel machten. In 2002 und 2003 setzte dänisches Militär seinen Fuß auf die Insel. Nun waren die Kanadier an der Reihe.

Abgesehen von der Möglichkeit, dass die Gewässer um die Insel für den Fischfang wichtig sein könnten, geht der Streit um mehr als nur einen Felsen. Kanada hat im vergangenen Jahr seine Politik für die Arktis neu formuliert und will seine Souveränitätsansprüche verteidigen. Hier steht Kanada mit dem Rücken zur Wand: Die USA, Russland und andere Staaten akzeptieren zwar Kanadas Hoheit über das weitgehend unbewohnte Land nördlich des Polarkreises, nicht aber über das arktische Gewässer. Durch die Inselwelt des Nordens aber führt die berühmte Nordwest-Passage, der kürzeste Seeweg zwischen Europa und Asien. Bei weiterer Klimaerwärmung werden weite Bereiche der arktischen Meere bald monatelang eisfrei sein.

Damit werden sie für die Schiffahrt interessant, etwa für Öltransporte von Alaska nach Europe. Der Seeweg durch den Panamakanal ist Tausende Kilometer länger. Kanada fürchtet, dass Tanker unkontrolliert zwischen seinen Arktisinseln herumfahren oder Konzerne in den Gewässern zwischen den Inseln nach Öl und Rohstoffen suchen und sie ausbeuten. Die Insel Hans ist für Kanada somit ein Präzedenzfall für seine arktische Souveränität.

Über Jahre hinweg hatte Kanada sein Militär und damit auch seine Militärpräsenz im Norden vernachlässigt und "the true North strong and free", wie es in der Nationalhymne heisst, quasi ungeschützt gelassen. Nur ein paar Inuit-Ranger, ausgerüstet mit Feldstecher und Motorschlitten, suchten in der Weite der Arktis nach Eindringlingen. Nun soll sich dies ändern. Im Bundeshaushalt 2004 wurden 70 Millionen Dollar (45 Millonen Euro) eingestellt, damit Kanada in der Arktis Flagge zeigen kann.

Im Grenzvertrag kamen beide Staaten überein, das Thema Insel Hans zu einem späteren Zeitpunkt einvernehmlich zu lösen. Eine Eskalation des Konflikts zwischen den beiden langjährigen Nato-Partnern ist nicht zu erwarten. Vielleicht nimmt man auf beiden Seiten die gegenseitige Politik der Nadelstiche gar mit Augenzwinkern hin. Wie wäre es mit einer gemeinsamen Verwaltung der arktischen Groß-Insel? Oder mit einer rotierenden Hoheit - ein halbes Jahr Dänemark, ein halbes Jahr Kanada? Oder man teilt die 1,3 Quadratkilometer, so wie sich in der Karibik Frankreich und die Niederlande Saint-Martin/Sint Maarten teilen. Mit dem kleinen Unterschied, dass auf der Insel Hans wohl niemals Ferienanlagen und Hotels errichtet werden.

Aber ich bekenne: Solche Gedankengänge sind des Ernstes der Lage nicht angemessen.

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