Die Internet-Unternehmen stecken tief in der Krise
Analyse: Software-Firmen auf dem Standstreifen der Datenautobahn

Es war klar, dass es schlimm werden würde. Doch dass es so schlimm werden würde, damit hatte keiner gerechnet.

HB DÜSSELDORF. Durch die Bank weg mussten in den USA seit Montag führende Hersteller von Software für das Internetgeschäft katastrophale Quartalszahlen ankündigen und die Geschäftsaussichten abwärts korrigieren. Ariba, "i2", Broadvision oder Epiphany verfehlten ihre Ziele bei weitem. Neue Software oder Marktplätze für den Handel und das Business im Netz scheinen keine Konjunktur mehr zu haben. Jetzt werden Mitarbeiter entlassen, Umstrukturierungen vorgenommen und selbst, wie im Falle Ariba, strategisch überlebenswichtige Akquisitionen abgesagt. Ariba wirft ein Drittel seiner Beschäftigten raus und kann trotzdem nicht sagen, wie es nun eigentlich weitergehen soll.

Auslöser ist unzweifelhaft der außergewöhnlich scharfe Einbruch der Konjunktur in den USA und in Japan. Potenzielle Kunden warten ab. Dieser Effekt wird oft verstärkt durch die gängige Methode in der Software-Branche, Lizenzverkäufe mit einem Schlag nach Vertragsabschluss zu verbuchen. Das macht die Unternehmen krisenanfällig: Sie hängen überproportional stark von Großaufträgen ab, um die Umsatzdynamik von Quartal zu Quartal aufrechterhalten zu können. "Ganz oder gar nicht" lautet die Devise.

Bei "i2" etwa verteilen sich die 210 Millionen Dollar Quartalsumsatz offenbar auf nur 100 Aufträge. Doch eine Auftragssumme von im Schnitt zwei Millionen Dollar schreckt potenzielle Auftraggeber mit jedem weiteren Krisentag mehr ab. Clevere Einkäufer pokern sowieso bis zur letzten Minute, weil sie wissen, wie jeder Auftrag die Quartalszahlen ihres Gegenübers beeinflusst.

Erst am Montag, dem ersten Tag nach Quartalsende, war deshalb das ganze Ausmaß des Desasters absehbar. Bis zum Schluss hatten die Firmenchefs verzweifelt versucht, Unterschriften unter die dringend benötigten Verträge zu bekommen. Doch den Kunden sitzt selbst die Angst im Nacken.

Gleichzeitig fürchten sie immer weniger, den Internet-Zug zu verpassen. Internet-Marktplätze für die Online-Beschaffung etwa stehen heute umsatzlos auf dem Randstreifen der Datenautobahn. Den Betreibern ist es nicht gelungen, potenziellen Kunden glaubhaft zu machen, dass sie ihnen gerade in einer Krise helfen können, die Kosten zu senken. Das ist fatal. Denn über Gebühren für Transaktionen wollten Marktplatz- oder Shop-Betreiber (oft Software-Hersteller) konstante Umsatzströme erzeugen, um das schwankende Neugeschäft abzufedern. Das ist gründlich schief gegangen.

Anbieter von E-Business-Software vor harten Zeiten

Die Anbieter von E-Business-Software stehen also vor harten Zeiten. Erst eine Konjunktur-Erholung kann sie zu neuem Leben erwecken. Nur die starken Unternehmen dürften bis dahin selbstständig überleben. Schwache Anbieter mit guter Technologie dürften Ziel von Übernahmen durch Branchen-Riesen mit starken Standbeinen in der Old Economy wie etwa IBM, Microsoft oder SAP werden.

SAP hat übrigens anlässlich der Gewinnwarnungs-Orgie betont, an den aktuellen Geschäftsprognosen festhalten zu wollen. Das Unternehmen ist halt erst spät ins Internet-Business eingestiegen und hat hohe Umsätze aus langjährig bestehenden Kundenbeziehungen. Das hilft in schweren Zeiten. Zumindest eine Zeit lang.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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