Die IRA vollzieht einen historischen Rollenwechsel
Kommentar: Nordirland steht am Anfang eines langwierigen Prozesses

Der Entwaffnungsschritt der nordirischen Untergrundorganisation IRA ist in der Geschichte des antibritischen Kampfes auf der irischen Insel ohne Beispiel. Wer bisher bei der IRA einer solchen Waffenabgabe das Wort redete, bezahlte dafür in der Regel mit dem Leben, angefangen mit dem Vater der IRA, Michael Collins, im Jahre 1920. Selbst Sinn-Fein-Präsident Gerry Adams hielt eine Waffenabgabe lange Zeit für unmöglich. Nun bewerkstelligte er selbst in seiner mutmaßlichen Doppelrolle als Kommandeur der IRA und strategischer Kopf ihres politischen Arms den Schritt vom bewaffneten Kampf zur demokratisch-politischen Auseinandersetzung. Denn genau den hat die IRA nun symbolisch vollzogen.

HB DÜSSELDORF. Doch nicht nur die Mehrheit der protestantischen Unionisten muss davon noch überzeugt werden. "War das nur eine einmalige Geste?" fragte gestern der Unionist Jeffrey Donaldson und erinnerte daran, dass laut Friedensplan die "totale Entwaffnung" der illegalen Untergrundarmeen bis Februar 2002 abgeschlossen sein müsse. Viele republikanische Hardliner hoffen offenbar, dass die IRA-Geste nur eine taktische Maßnahme war, um den Friedensprozess vor dem endgültigen Kollaps zu retten und obendrein die Wahlchancen Sinn Feins bei der kommenden irischen Parlamentswahl zu stärken.

Nordirland steht immer noch erst ganz am Anfang eines langen Prozesses, bei dem es nicht nur um die Verschrottung von Semtex und Kalaschnikows, sondern um die viel schwierigere Entwaffnung in den Köpfen geht. Nun sind die protestantischen Loyalisten und ihre paramilitärischen Untergrundgruppen am Zuge, die oft in der Nähe von Gangstertum und Bandenkriminalität operieren und weiter ein großes Störpotenzial für den politischen Prozess haben. In Nordbelfast, wo Schulkinder mit Brandbomben beworfen werden und die Bewohner ganzer Viertel Opfer von "ethnischen Säuberungen" werden, wird es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen, um den Religions- und Gruppenhass zu überwinden, der sich in den Köpfen festgesetzt hat. Aber der Pfropf ist gelöst, der diese große Aufgabe seit Jahren blockierte.

Politisch kann es nun Schlag auf Schlag gehen. Die seit Monaten funktionsunfähige Nordirlandregierung, in der katholische Sinn-Fein-Minister und protestantische Unionisten gemeinsam unter David Trimble als Regierungschef regieren, dürfte schnell ins Amt zurückkehren. Großbritannien wird die wiedergewonnene Dynamik mit Reduktionen seiner Militärpräsenz in Nordirland stärken. So wird man dem Fernziel näher kommen, das Gerry Adams so beschreibt: "Die Waffen aus der irischen Politik entfernen".

Während von britischer Seite dazu sichtbare Maßnahmen wie die Demontage von Wachtürmen in South Armagh und die Auflösung eines Armeestützpunkts in Derry gehören, wird man von dem historischen Meilenstein der IRA-Entwaffnung nie viel mehr erfahren als die lapidaren Stellungnahmen der unabhängigen Entwaffnungskommission. Entscheidend war das einstündige Gespräch, das David Trimble mit ihrem Vorsitzenden, General John de Chastelain, führte. Der General, so der strahlende Trimble, habe ihm versichert, dass eine "substanzielle Menge" von IRA-Waffen ein für alle Mal unbrauchbar gemacht worden seien: "Das ist gut genug für mich."

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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