Die Konjunktur-Flaute hat bisher den Arbeitsmarkt in der Biotechnologie nicht getroffen. Experten sagen langfristiges Wachstum voraus.
Jobmaschine rotiert weiter

Dem Sturm folgte die Flaute in den so genannten Zukunftsbranchen. IT-Unternehmen streichen derzeit Arbeitsplätze - Opfer der schwachen Wirtschaftslage.

DÜSSELDORF. Kaum vom rauhen Konjunktur-Klima betroffen ist der Arbeitsmarkt in der Biotechnologie: Die Jobmaschine Biotech wird nach Sicht von Experten weiter rotieren, auch wenn der Rückenwind hier nicht mehr so kräftig bläst.

Das Wachstums-Tempo verlangsamt sich demnach im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren. Allein in den kleinen und neu gegründeten Biotech-Unternehmen hat sich die Mitarbeiterzahl zwischen 1998 und 2000 fast verdoppelt: Etwa 10 600 sind es heute in kleinen und mittelständischen Firmen. Nach Angaben der Vereinigung deutscher Biotechnologie-Unternehmen (VBU) arbeiten insgesamt rund 20 000 in der Branche.

Gründungsboom ebbt ab

Die Unternehmenslandschaft wird in nächster Zeit allerdings noch einmal kräftig durchgeschüttelt, sagt Rüdiger Marquardt, Leiter des Informationssekretariats Biotechnologie. "Wir erwarten eine Konsolidierung." Dennoch werde die Nachfrage nach Arbeitskräften netto steigen.

Der Boom der Neu-Gründungen ebbt ab. Einige der jungen Unternehmen können laut Marquardt nicht überleben - viele der Kleineren haben die kritische Masse nicht erreicht. Er erwarte auch eine Welle von Fusionen und Übernahmen, sagt Marquardt.

Eine notwendige Bereinigung einer jungen Branche, sagen Experten. Laut Life Science-Studie der Wirtschaftsprüfung Ernst & Young gibt es in Deutschland zwar mehr Biotech-Unternehmen als in Großbritannien - im Umsatz dagegen hinken sie hinterher: Deutsche Firmen setzten im vergangenen Jahr 786 Millionen Euro um, die britischen dagegen 2 066 Millionen Euro.

Das Wachstum wird also eher in die Breite gehen. Die rein Technologie-orientierten Firmen bleiben dabei eher mittelständig. Sie beliefern zum großen Teil die Pharmakonzerne mit neuer Technologie, sind in ihren Nischen sehr spezialisiert und müssen schnell und flexibel auf Bedürfnisse an Forschung und Entwicklung reagieren.

Chancen, eine Größe von über 1 000 Mitarbeitern zu erreichen, haben allerdings Unternehmen, die Produkt-orientiert sind, zum Beispiel in eigener Regie Medikamente entwickeln - einige können sich zu größeren Pharmaunternehmen mausern. In diesem Prozess sind dann nicht mehr nur Naturwissenschaftler gefragt. Ein Beispiel: Medigene AG, Hauptsitz in Martinsried.

Medigene entwickelt Herz- und Tumormedikamente. Vor drei Jahren noch 40 Mitarbeiter stark, sind es heute 140. Bis 2002 sollen es um 200 sein. 2003 will Medigene das erste Medikament auf den Markt bringen, Zulassung und Vertrieb im Hause machen. Dazu wird das Unternehmen neue Abteilungen für Marketing und Vertrieb aufbauen.

Am Größten ist allerdings der Bedarf an Naturwissenschaftlern - und die werden bereits knapp. In einigen Regionen suchen Unternehmen schon Hände ringend. "Das Angebot ist dramatisch zurück gegangen", sagt Marianne Simonis-Redlin, Personalchefin der Hamburger Evotec, die Bio-Testsysteme entwickelt. Zwischen zehn und 20 neue Stellen kommen in nächster Zeit am Hamburger Standort dazu, Ingenieure und Informatiker und Chemiker. Andere bestätigen: Schwer zu finden sind vor allem Naturwissenschaftler mit Berufserfahrung und mit Spezialkenntnissen, wie etwa Bio-Informatiker oder Protein-Experten.

Die Führungskräfte in Biotechnologie-Unternehmen sind bisher auch noch in der Mehrzahl Naturwissenschaftler. Oft haben sie ihre Management-Erfahrung in Pharma-Konzernen gesammelt.

Auch die mit Biotechnologie eng verknüpfte Pharma-Branche rüstet noch auf. Die Bayer AG zum Beispiel hat ihre Biotech-Abteilungen im vergangenen Jahr personell um ein Drittel verstärkt. "Ein Bereich, der noch ausbaufähig ist", sagt eine Bayer-Sprecherin.

Die Zahl der neuen Arbeitsplätze hat zwar bisher noch keine exorbitanten Größenordnungen - das Potenzial sei aber vor allem langfristig groß, sagt Julia Schüler, Biotechnologie-Expertin bei Ernst & Young. "Die Industrie ist noch jung." Die Chancen seien gut, dass die Biotechnologie hier zu Lande ein ähnlich großer Wirtschaftsfaktor werde wie in den USA, so Schüler. "Die Entwicklung von Medikamenten betrifft schließlich jeden Menschen."

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