Die konservativen Tories verspüren Aufwind
Blairs Kriegskurs stürzt Labour in die Krise

Verschwörungsgetuschel auf den Hinterbänken, Spekulationen über die Strategie von Premier Blair und ein Parteiführer der Opposition, der sich zunehmend Respekt verschafft: Seit dem Amtsantritt der Labourregierung 1997 war die britische Parteipolitik nicht mehr so turbulent wie derzeit.

mth LONDON. In der Labour-Partei wächst der Unmut über den britischen Premier Tony Blair. Die Unruhe über Blairs Nähe zum amerikanischen Präsidenten George W. Bush ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. "Die Opposition gegen das derzeitige Treiben in Regierungspolitik und Parteimanagement hat sich um die Opposition gegen den geplanten US-Krieg im Nahen Osten nur kristallisiert", sagt der Hinterbänkler George Galloway.

Der offen auftretende Labourrebell schürt derzeit Gerüchte über einen mögliche Gegenkandidaten für Blair als Parteiführer. Die nächste Wahl ist fern, die Parteidisziplin locker. Schon das Reden von einer solchen Kandidatur hilft, die Kritik an dem bislang bejubelten Parteichef zu artikulieren. 1988 schickten die Tories einen solchen Kampfkandidaten gegen Frau Thatcher in den Ring. Ein Jahr später war Thatcher gestürzt - mitten in der Legislaturperiode.

Die Liste der Blair-Kritiker ist lang. Angesichts des Pakts mit den Rechtsregierungen in Rom und Madrid riss kürzlich sogar dem geduldigen Chef des Gewerkschaftsdachverbands TUC, John Monks, der Geduldsfaden. Einzelgewerkschaften fragen "was nützt uns Labour" und kürzen ihre Parteizuwendungen. Blairs Nähe zu Business und Finanzwelt, Spendenskandale, der immer undurchsichtigere Kurs bei den Reformen - alles sorgt für Unmut.

Der Parteikonsens wird brüchig, die Foren des Protests werden zahlreicher. So will sich die linke "Tribune"-Gruppe neu formieren, die 1997 von den "Blairisten" übernommen wurde. An die 50 Labourabgeordnete wollen eine neue Anti-Euro-Beitrittsgruppe gründen. Mit dem Verbot der Fuchsjagd will die Fraktion Blair in die Konfrontation mit den alten "Klasseninteressen" treiben, die er bisher konsequent vermieden hat. Die lang gediente Abgeordnete Gwyneth Dunwoody sprach gestern sogar von einer "Identitätskrise" der Partei unter Blair. "Wir dachten alle, dass es einen Plan gebe. Aber es gibt keinen Plan. Die Regierung hat keinen inneren Kern aus Prinzipien, keine klare Vorstellung von ihren Zielen."

Die Briten scheinen diese Auffassung zu teilen. Nach jahrelangem Herumbasteln an den nationalen Reformaufgaben wissen die wenigsten noch, wer die Eisenbahn betreibt. 54% äußerten sich in einer von der "Sunday Times" veröffentlichten Meinungsumfrage "enttäuscht" über Blairs Leistung. 63 % wollen, dass der Wahlsieger vom letzten Jahr bei der nächsten Parlamentswahl nicht mehr antritt.

Blairs politischer Horizont verengt sich auch durch die unerwartete Renaissance der oppositionellen Konservativen. Sie schneiden bei Umfragen langsam besser ab. Parteichef Iain Duncan Smith hat sich Respekt verschafft und führt nun die Partei konsequent zurück in die Mitte. Er vermeidet die knifflige Europapolitik, spricht höhnisch von Blairs verschleuderten Reformchancen und positioniert die Tories als Beschützer der Armen, Kranken und Bedürftigen: "Wir werden die Probleme lösen, die Labour ignoriert", sagte er am Sonntag auf dem Parteitag in Harrogate.

Wahrscheinlichster Nutznießer einer Krise um Blair wäre Schatzkanzler Gordon Brown. Er hüllt sich seit Monaten bei allem, was über sein Ressort hinausgeht, in konsequentes Schweigen. Zwar ist Brown eng mit dem "New Labour"-Projekt verbunden und genießt in der City hohes Ansehen. Aber mit seiner steuerlichen Umverteilungspolitik und dem konsequenten Eintreten für den staatlichen Gesundheitsdienst könnte er sich schnell in eine durchaus passable Gallionsfigur für die Parteilinke verwandeln. Sie wird den am 17. April vorzulegenden Haushalt schon einmal besonders genau unter die Lupe nehmen.

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