Die Krise nutzen
Kolumne: Rezessionsstrategien für den künstlichen Winter im Valley

Plötzlich bricht alles zusammen. Zwei Wochen Gehalt als Abfindung gelten im Silicon Valley derzeit als großzügig. Manche Unternehmen sind verdächtig billig - bereiten die Firmen sich schon heimlich auf ein furioses Comeback vor? Zyklische Schwächen bieten jedenfalls Gelegenheit dazu, sich neue Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Viele Unternehmensnachrichten dieser Tage sind bitter. HP, Intel, Cisco - die Ikonen des Silicon Valley, jede Firma ein Symbol einer Periode, berichten von drastischen Gewinneinbrüchen. Und bei Cisco ist die Lage sicherlich besonders erschreckend: Vor einem Jahr erschien das Unternehmen noch als gänzlich unbesiegbar und hatte kurzfristig den höchsten Aktienkurs der Welt. Cisco hatte solide Technologien und war in einem der langfristig stärksten Wachstumsmärkte tätig. Zudem rühmte sich das Unternehmen seiner internen Systeme und einer Disziplin, die es erlaube, auf Wunsch am Ende jeden Tages einen vollständigen Ergebnisbericht vorlegen zu können. Geschickt steuerte das Unternehmen durch Vorabmeldungen die öffentliche Meinung immer genau auf die Ziele zu, die Cisco dann mindestens erfüllen konnte.

Und plötzlich bricht alles zusammen. Anstatt den Sturm lange kommen zu sehen, implodiert das Geschäft offenbar von einem Tag auf den anderen. Der Aktienkurs ist um 80 % gefallen und viele tausend Mitarbeiter werden entlassen. Inventar im unvorstellbaren Wert von 2.5 Milliarden $ wird abgeschrieben. Weder der Markt noch die Systeme haben offenbar gehalten, was sie versprochen haben.

Manchen kommt die Wende zu plötzlich vor. Das Geschäft mit Telekommunikationsunternehmen, das angeblich an allem Schuld sein soll, beruht auf langfristigen Kontrakten, die sich nicht mir nichts dir nichts auflösen. Und einen Milliarden-Berg an Inventar kann man in so kurzer Zeit kaum aufbauen. Die ersten Analysten beginnen schon, den "Insider"-Handel von Aktien im vergangenen Jahr zu untersuchen. Deutsche erinnert die Lage auch an das Nixdorf-Schicksal. Eines ist jedenfalls sicher: Die gesamte Story des Cisco-Einbruchs muss erst noch geschrieben werden.


Der Verführung durch die Aktien sind viele erlegen

Doch nicht alle Nachrichten sind schlecht. IBM strotzt vor Kraft, AOL wird täglich stärker und Ebay ist das wohl einzige reine Internet-Unternehmen das unaufhaltsamem weiterwächst. Auch Microsoft hält bisher unbeirrt Kurs.

Die Menschen hier an der Westküste trifft der Einbruch aber in jedem Fall. Da ist zunächst einmal die - wirtschaftlich möglicherweise vernünftige, aber für den einzelnen nicht minder harte - Praxis, Angestellte von heute auf morgen auf die Straße zu setzen. Zwei Wochen Gehalt als Abfindung werden als ausgesprochen großzügig angesehen, aber nur unter gewissen Stillhaltebedingungen gewährt. Viele Unternehmen entlassen bei noch guten Geschäften schon allein aufgrund eines abflauenden Auftragseingangs.

Schlimmer noch kommt für viele Arbeitnehmer jedoch der Einbruch am Aktienmarkt. Viele Unternehmen in den USA in den vergangenen Jahrzehnten weitgehend von monatlichen Pensionszahlungen abgekommen. Sie gewähren den Arbeitnehmern statt dessen einen (steuerbegünstigten) Kapitalbetrag. Der wurde von vielen in Aktien investiert - und mit dem Markteinbruch ist dann auch gleich die Pension weg. Microsoft-Angestellte kamen inzwischen auch wegen persönlicher Bankrotterklärungen aufgrund von Aktienoptionen in die Schlagzeilen. Viele Mitarbeiter haben sich von Anlageberater dazu verleiten lassen, bei der Ausübung einer Option die Aktie nicht zu verkaufen, sondern sich für die Steuerschuld gegen die Aktie Geld zu leihen. Wenn ein Titel dann wie bei Microsoft, stark sinkt, dann verkauft die Bank die Garantie automatisch. Zurück bleibt ein Schuldenberg. Im Vergleich dazu waren Immobiliengeschäfte im Osten Deutschlands noch eine harmlose steuerbasierte Anlageverführung.

Rezessionen bergen auch Chancen

Inzwischen beginnt die High-Tech-Gemeinde damit, sich auf einen kalten Winter einzustellen. Wenn der Frost kommt, stehen wärmende Worte hoch im Kurs. Wer aber kann sich selbst noch an die letzte Rezession erinnern? Nur wenige wissen, wie es damals war. Helfen wir dem Gedächtnis also etwas auf die Sprünge.

Während der Ölkrisen in den Siebzigerjahren haben die großen Halbleiterfirmen hier im Valley rezessionsbedingt ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung zurückgeschraubt. Die Japaner jedoch investierten. Um 1980 übernahmen japanische Unternehmen bei Speicherchips und anderen einfachen Halbleitern die Führung. Das war kein Zufall.

Intel kündigte bereits an, während der derzeitigen Rezession unbeirrt zu investieren. Gleichzeitig werden die Preise gesenkt, was dem bereits angeschlagenen Wettbewerber AMD zusetzt. Dell will mit Preissenkungen versuchen, Marktanteile zu gewinnen. Solche Strategien in Rezessionsperioden trennen in vieler Hinsicht die Spreu vom Weizen der Unternehmen. In dieser Hinsicht steht uns eine interessante Zeit bevor.

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