Die Kundschaft ist polyglott
Tea-Time an der Seine

Franzosen lassen den Kaffee stehen. Für Tee. Und vor allem für Patisserien mit Tee-Aroma.

Chinesisch oder taiwanisch, im Kolonialstil oder minimalistisch, als klitzekleiner Salon oder im Rahmen luxuriöser Hotels. Tea-Time an der Seine hat viele Facetten. Englisch geht es bei Pegoty?s zu; das Tch?a pflegt japanisches Ambiente; in der Moschee wird arabischer Minzetee serviert; im Café Maure wird eine Wasserpfeife gereicht; Angélina, Ladurée oder Mariage Frères zelebrieren das Teetrinken à la française.

Streng gekleidetes Personal hantiert hinter altmodischem Tresen mit großen Teedosen. 475 verschiedene Sorten haben die Erben jenes Nicolas Mariage parat, der schon 1660 auf Geheiß von Ludwig XIV. gen Persien reiste. Das Ambiente im Salon ist kolonial - Peddigrohrsessel und Bambustische stehen vor Bananenstauden und Orchideen -, die Kundschaft ist polyglott.

Stammgast Kindy aus Bristol knabbert an einem Scone und beteuert: "Es sind die besten in ganz Paris." Dazu schlürft sie rassigen Lapsang Souchong Imperial und freut sich, dass bei Mariage Frères "der Schwarztee richtig heiß aufgegossen wird, während anderswo in der Stadt nur lauwarmer Tee-Ersatz geboten wird".

Ihre indonesische Tischnachbarin Kim schwört zwar auf grünen Tee, der hier selbstverständlich nach den heimischen Regeln der Teekunst kredenzt wird. Bestellt aber manchmal auch einen rauchigen Tee - "der passt am besten zu den Teemarmeladen. Das Gelée extra de thé mit der Geschmacksnote Tarry Souchong ist ein echtes Highlight, dazu bestelle ich dann einen Zarentee oder einen Earl Grey French Blue", verkündet sie und streicht sich genüsslich Marmelade aufs Briochebrötchen.

Zum Lunch werden salzige Köstlichkeiten auf Teebasis serviert: Tartar von Meeresfrüchten mit Teevinaigrette oder Foie Gras von der Ente auf Aspik von Marco-Polo-Tee. Dazu gibt es eine passende Lunch-Tea-Mischung und zum Abrunden einen blumigen "Roten Mond" mit Ingwer- und Rosengeschmack.

Mit sättigenden Beigaben wartet das "Maison des Trois Thées" nicht auf. Das kleine Teehaus bei der Place Monge konzentriert sich ganz aufs traditionsreiche Getränk und setzt auf minimalistisches Ambiente. Die Besitzerin Yu Hui Tseng gehört als einzige Frau zum erlauchten Kreis chinesischer Teemeister und sie hat in ihrem Keller über 900 Teesorten lagern, von denen so manches Gramm teurer ist als feinster Kaviar: grüne, gelbe, weiße, blau-grüne und schwarze Tees - über 200 Sorten zum Verkosten.

"Zum Einstimmen wäre vielleicht ein grüner Tee zu empfehlen, ein Tai Ping Hou Kui oder ein Ding Gu Da Fang, die sind leicht und erfrischend", weist der wie ein Mönch gekleidete Kellner weniger bewanderte Teetrinker ein, nachdem er sich mit den Teegewohnheiten der Gäste vertraut gemacht hat. Schließlich optiert die Dame mittleren Alters für einen Tai Ping Hou Kui 1, während ihr männliches Gegenüber einen sündhaft teuren Mi Lan Xiang 3 bestellt. Acht Gramm kosten stolze 29 Euro. Aber die, so der Teezeremonienmeister, "sind reich an Tannin und haben einen langen fruchtigen Nachgeschmack". Mit dieser Aussage assoziiert der Gast offensichtlich sofort große Weine.

Doch seine Erwartungen werden leicht enttäuscht, denn obwohl der wertvolle Mi Lan Xiang nach Art der Teezeremonie Gong Fu Cha kredenzt wird, kann der Teenovize die versprochenen "Aromen von Litschi, Mango, Zitrusfrüchten und süßem Karamell" nicht wirklich ausmachen. Da mögen die geübte Nase und der trainierte Gaumen fehlen.

Weniger komplex geht es im Hotel Bristol zu: Jedermann kann die feinen Patisserien von Gilles Marchal würdigen, die zu insgesamt 15 verschiedenen Teesorten aufgetischt werden. Zu einem "Thé complèt" gehört ein dreistöckiges Arrangement mit Mini-Sandwichs, Petits Fours, Cakes und Madeleines, die zwischen rosafarbenen Marmorsäulen unter den Blicken von Marie-Antoinette serviert werden. An Modesamstagen wird dort eine Fashion-Show präsentiert, für die der Chefkonditor passende Kreationen serviert. Modeschöpfer sind Marchals Ideengeber: "Blumen bei Valentino, Papageien beim jungen Stylisten Vincent Dupontreué, verrückte Farben bei Escada".

Tee ohne Patisserien wären für den Lothringer nur ein halber Genuss. "Für die Modenschau von Chloé im September habe ich drei kleine Dessertgläser kombiniert", erinnert sich Gilles, "einen Litschi- Sorbet mit Himbeersaft, eine Passionsfrucht-Creme mit karamellisiertem Ananasstückchen und gegrilltem Kokusnuss-Biskuit und einen Fruchtsaft-Cocktail von grünen Äpfeln, grünen Zitronen, Bananen, Mandarinen und frischer Minze." Doch auch ohne Modenschau werden im Bristol legendäre Tee-Patisserien serviert werden. Nach Worten von Christine Dattner, ihres Zeichens Präsidentin des Pariser Clubs der Teetrinker, sind sie "mehr als köstlich". Allen voran die Makronen "Petit Chaperon Rouge", die zart nach grünem Tee und roten Fruchtnoten schmecken, und der Cake "Rève de la Martinique", der grünen Teegeschmack mit kräftigem Ananasaroma paart. Dazu schmeckt ein Café au lait so wenig wie ein Petit Noir. Deshalb wohl steht Franzosen der Sinn nach der Insel.

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