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Die Launen der Wirtschaft

Tief war der Frust, als die sonst Erfolg verwöhnten Manager feststellen mussten, dass sich das deutsche Bildungssystem nicht so schnell umkrempeln ließ wie ein mittelständisches Unternehmen. Dabei hatten sie es sich so schön ausgemalt: Zuerst wird die Initiative D 21 gegründet, dann werden alle großen Unternehmen der Bundesrepublik angelockt, Modelle für den Weg ins Informationszeitalter werden erarbeitet, und schließlich kriecht ein völlig neue, internettaugliche Gesellschaft aus dem Ei. Diese Träume zerplatzten. Innerhalb des ersten Jahres waren die reformbegeisterten Führungskräfte, darunter Erwin Staudt (IBM Deutschland) und Jörg Menno Harms (Hewlett-Packard), vollends damit beschäftigt, eine arbeitsfähige Struktur für D 21 zu finden. Von den selbst gesteckten Zielen, etwa 20 000 Internet-Klassenzimmer bis Ende 2001 einzurichten, ist hingegen kaum eines erreicht worden. Die Manager wurden von der Realität eingeholt. Das ist bitter. Doch was lernen wir aus dieser Episode? Erst mal, das Engagement der Wirtschaft ist wichtig und richtig. Der Staat ist finanziell nicht in der Lage, die Schüler mit Computern und der dazugehörigen Software auszustatten. Dabei ist dies ein dringendes Problem: Der Unterricht in Schulen wird immer stärker von Computern und Internet begleitet. Wer heute nicht investiert, gerät morgen ins Hintertreffen. Natürlich muss es weiterhin die traditionellen Lerninhalte geben. Und selbstverständlich muss es nach wie vor Aufgabe der Schulen sein, die Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen zu bilden und zu formen. Wer aber meint, die Schüler heutzutage ohne die Unterstützung der Informationstechnologie ausbilden zu können, der besitzt ein völlig falsches Verständnis von humanistischer Bildung. Die zweite Schlussfolgerung ist, dass Bildungsfragen von der Wirtschaft zwar thematisiert, nicht aber gelöst werden können. Die Manager können lediglich Hinweise auf ihren Arbeitskräftebedarf geben, inhaltliche Unterstützung für den Unterricht anbieten, die Schulen finanziell unterstützen. Dies alles ist begrüßenswert. Doch es wäre fatal, wenn die Schüler den Launen der Wirtschaft, ihren häufig wechselnden Ansprüchen ausgesetzt würden. Und wir lernen schließlich, dass es nicht großspuriger Ankündigungen im Bildungsbereich bedarf, wie sie die Macher der Initiative D 21 bei ihrer Gründung vor einem Jahr heraus posaunt hatten. Sinnvolle Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen hat es auch vor D 21 bereits gegeben. Und Schulsponsoring gibt es auch nicht erst seit vergangenem Jahr.

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